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Detailliert präpariertesStudienobjekt: Menschlicher Schädel, anatomischesPräparat, um 1900
© (4) Bene Croy/Josephinum

Anschauungsmodell des Aufbaus des menschlichen Auges.

Blick in die Ausstellung: in der Vitrine im Vordergrund Glasaugen, dahinter medizinische Anschauungsobjekte zu Augenheilkunde

Markus Sommer/Atelier Friedrich Ziegler, Modell zur Entwicklung des menschlichen Auges, nach Hochstetter, ca. 1936

 
Leben 26. April 2016

Über-Blick

Dem Auge und der Geschichte der Augenheilkunde ist die Ausstellung „de oculis – Die Sammlung Aichmair im Josephinum“ gewidmet. Geboten wird ein Streifzug durch 200 Jahre Ophthalmologie.

Im Josephinum, 1785 als chirurgisch-medizinische Akademie in Wien eröffnet, befindet sich eine beträchtliche Anzahl an medizin-historischen Studienobjekten und medizinischen Instrumenten. Die aktuelle Ausstellung zeigt eine Fülle an Exponaten aus der Sammlung Aichmair.

Es ist die Erinnerung an ein vielseitiges, gerade auch von medizinwissenschaftlichem Interesse geprägtes Sammler-Leben, das schlussendlich nun diese Ausstellung wesentlich bereichert. Hermann Aichmair, Augenarzt und ehemaliger Professor an der II. Universitätsaugenklinik in Wien , hat sich nicht nur mit Hingabe seiner Profession gewidmet. Er ist zudem Sammler. Letzteres ist keine freie Entscheidung, obwohl nahezu jeder Sammler selbst meint, es verhielte sich ganz anders. Was im Laufe der Zeit Aufnahme in die Sammlung Hermann Aichmairs fand, hatte zunächst sein Interesse und dadurch auch seine Aufmerksamkeit erregt. Die Tätigkeit des Sammelns verlief dabei nicht immer geradlinig und war mitunter geprägt von unterschiedlichen Stimmungslagen, oft auch Hochgefühlen, wenn ein lang ersehntes und heiß begehrtes Stück endlich gefunden und erworben werden konnte.

Zeugnisse eines Sammlerlebens

Hermann Aichmair hat aber nicht nur leidenschaftlich, sondern auch sehr überlegt und akribisch gesammelt, was sich an der Qualität der einzelnen Stücke eindrucksvoll ablesen lässt. Thematisch hat er sich dabei nicht unbedingt beschränkt: Instrumente, Votivgaben, Objekte aus seiner unmittelbaren Lebens- und Arbeitsumwelt, wie wissenschaftliche Instrumente, Lehrmodelle oder auch volkskundliche Gebrauchsgegenstände – dies alles erregte sein Interesse. Eine besondere Gruppe bilden die diagnostischen Instrumente, darunter eine erhebliche Anzahl von Ophthalmoskopen oder Augenspiegeln. Auch frühe Brillen unterschiedlichster Art und Provenienz bilden ein eigenes Gebiet innerhalb der gesamten Sammlung.

Aber da ein Sammler sich – meist auch aus Gründen räumlicher Beschränkung – an einem gewissen Punkt dazu durchringen muss, seine Sammlung weiterzugeben, fiel schließlich der Entschluss, die aus über 600 Objekten bestehende ophthalmologische Sammlung als Schenkung dem Josephinum zu übergeben. Das ist insofern eine äußerst glückliche Fügung, da andernfalls oftmals mit großem Zeitaufwand und ebensolchem Wissen zusammengetragene Sammlungen – aus welchen Gründen auch immer – verkauft oder versteigert und somit wieder aufgelöst werden. Seitens des Josephinums weiß man diese großzügige Geste sehr zu schätzen: „Wien hat in der Augenheilkunde eine große Tradition, 1812 wurde in Wien die erste Universitätsaugenklinik der Welt gegründet“, so die Leiterin des Josephinums, Dr. Christiane Druml, „die großzügige Schenkung von Professor Aichmair ergänzt in wunderbarer Weise den Bestand an einzigartigen Objekten, Instrumenten und Moulagen aus der Augenheilkunde des Hauses. Wir freuen uns, dass wir diese mit den Highlights aus der Sammlung Aichmair in den nächsten Monaten der Öffentlichkeit zeigen können.“ Die zahlreichen Exponate dieser Ausstellung führen einem nun die, während mehr als 200 Jahren in Wien entwickelten, wesentlichen diagnostischen und therapeutischen Verfahren direkt vor Augen.

Anschauliche Medizingeschichte

Viele dieser frühen augenärztlichen Erkenntnisse und Entwicklungen blieben für die Augenheilkunde über einen langen Zeitraum verbindlich. Natürlich gab es eine stetige Entwicklung der augenärztlichen Bestecke, und auch die Diagnostik hat laufend erhebliche Fortschritte gemacht. Eindrucksvoll sind die augenheilkundlichen Anschauungsmodelle, von denen das Josephinum eine große Anzahl besitzt. Bei den mit künstlerischem Können und Fachwissen geschaffenen Wachsmoulagen, die zur wissenschaftlich anschaulichen Vermittlung dienten, erhöhte jedoch manchmal künstlerische Freiheit die Wirkung dieser Anschauungsobjekte. Besonders bemerkenswert sind auch die mit großer kunsthandwerklicher Fertigkeit hergestellten Glasaugen.

Eine Inventarbeschreibung der in zwölf Schränken aufbewahrten Sammlung historischer Instrumente und Wachspräparate aus dem Jahr 1840 nennt unter anderem „1) eine vollständige Sammlung von Augengläsern, Augenphantome, eine Augen-Dampfbad-Maschine, Augenschirme, eine Volta´sche Säule usw.“ Eines der Exponate dieser Ausstellung jedoch, sehr selten und somit nicht leicht zu finden, ist das erklärte Lieblingsstück von Hermann Aichmair: eine kleine Porzellanfigur, ein Sujet aus der Modell-Linie der Kaufrufe, die in der kaiserlichen Porzellanmanufaktur Augarten in Wien um 1760 geschaffen wurden. Durch Zufall hatte er diese „Amorette als Brillenverkäuferin“ bei einem seiner Sammler-Streifzüge an einem Samstag in der Wiener Innenstadt im Schaufenster eines Antiquitätenhändlers entdeckt und musste bis zum darauffolgenden Montag warten, bis er sie erwerben konnte.

„Fliegende Brillenhändler“ gab es bis in das 19. Jahrhundert: Man probierte als Kunde verschiedene der angebotenen Brillen solange, bis man eine fand, mit der man gut sah.

Einen weiteren Teil der Ausstellung bilden künstlerische Interventionen von sechs zeitgenössischen Künstlern, deren Arbeiten das Auge und das damit verbundene Sehen im weiteren Sinne behandeln: Nadja Bournonville, Kerstin von Gabain, Zenita Komad, Eva Kotátková, Anja Manfredi und Nadim Vardag ließen sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise von den Sammlungsexponaten inspirieren und schufen hierzu korrespondierende Arbeiten.

„de oculis –

Die Sammlung Aichmair

im Josephinum“;

Währinger Straße 25,

1090 Wien;

bis 8. Oktober 2016.

www.josephinum.ac.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 17/2016

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