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© Erich Puls/Klaus Lamberty
Joseph Beuys, 1972

Joseph Beuys: Mondnacht, 1953, Bleistift auf Bristolkarton

© (2) Stiftung Museum Schloss Moyland

Joseph Beuys: Jurakalk, 1952, Bleistift auf Schreibpapier.

© Sammlung Viehof, ehemals Sammlung Speck

Joseph Beuys: Ohne Titel (Hasenfrau), 1952, Bleistift und Eisenchlorid auf Papier.

 
Leben 19. April 2016

Ein kritischer Geist

2016 ist ein Beuys-Jahr und das in gleich zweifacher Hinsicht: 1986 ist der wegweisende Künstler Joseph Beuys verstorben, zudem hätte er seinen 95. Geburtstag gefeiert.

Noch heute zählt Joseph Beuys zu jenen wenigen Künstlern, die den Kunstbegriff konsequent erweitert haben. Die Stiftung Schloss Moyland in Nordrhein-Westfalen, nicht weit von der niederländischen Grenze, beherbergt die weltweit größte Sammlung von Beuys’ Arbeiten und zeigt derzeit grafische Arbeiten des unbequemen und weitsichtigen Künstlers.

1921 geboren, ließ sich Joseph Beuys von keiner Richtung wesentlich beeinflussen. Aufgewachsen ist er in Kleve, das noch zum Regierungsbezirk Düsseldorf gehört. Die niederrheinische Landschaft und die strenge Erziehung im katholisch geprägten Elternhaus blieben für ihn lebenslang mitbestimmend. Manche der damals gewonnenen Eindrücke fanden später auch ihre künstlerische Entsprechung, das zeichnerische Talent zeigte sich bei ihm früh.

Während des Zweiten Weltkrieges fungierte er in einem Sturzkampfflugzeug des Typs Ju 87 als Bordfunker und den Absturz der Maschine über der Krim 1944 hat er später in seine eigene Mythologie umgemünzt. Filz und Fett sowie die Fürsorge der Krimtartaren hätten ihn überleben lassen, so Beuys. Diese Geschichte – das lässt sich heute mit Bestimmtheit sagen – ist pure Fiktion. Wohl aber bedeuteten für Joseph Beuys dieses Kriegserlebnis und das Trauma des Absturzes samt der dabei erlittenen Verletzungen einen tiefen, später künstlerisch prägenden Einschnitt.

Künstlerischer Aufbruch – Kleve und Düsseldorf

Beuys war nach Kriegsende zunächst in Kleve, ab 1946 an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf immatrikuliert. Sechs Jahre später wurde er dort Meisterschülerdes Bildhauers, Grafikers und Malers Ewald Mataré. Beuys konnte seine bildhauerische Neigung voll entfalten und kam über Mataré mit dem Gedankengut des Philosophen und Begründers der Antroposophie Rudolf Steiner in Kontakt. Die zweite Hälfte der 1950er Jahre stand für Joseph Beuys nach einer schweren persönlichen wie künstlerischen Krise im Zeichen einer Zäsur und Neuorientierung. Beuys, der zunächst einige Monate im Hause der van der Grintens verbracht hatte – woraus eine lebenslange Beziehung zwischen dem Künstler und den Sammlern Hans und Franz Joseph van der Grinten entstand – kehrte in seinen Heimatort Kleve zurück und mietete dort im Alten Kurhaus ein Atelier an. Aber der Meisterschüler wollte gegen den Willen seines Lehrers mehr und strebte nach seinem Umzug nach Düsseldorf die Professur für den „Lehrstuhl für monumentale Bildhauerei der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf“ an, die er 1961 auch erhielt.

Mataré hatte Joseph Beuys den Weg zur autonomen Skulptur gewiesen, Beuys weitete den Skulpturbegriff erheblich aus. Sein künstlerischer Aufstieg vollzog sich in der noch jungen Bundesrepublik während der Zeit des kalten Krieges. Abstraktion und Informel beherrschten die Malerei, seine ausgeprägte künstlerische Haltung erhielt erst in den 1960er Jahren ihre gesellschaftspolitische Bedeutung.

Der Künstler als Mentor

Als Lehrer war Beuys strikt, ebenso strikt wandte er sich gegen das überkommene Rollenbild der an der Akademie Lehrenden und die dort herrschenden Strukturen. Im konservativ-politischen Klima Westdeutschlands bahnte sich gesellschaftlich wie auch künstlerisch ein Umbruch an, vehemente Studentenproteste begannen sich zu formieren. Die Ausweitung des Kunstbegriffs bis hin zur „Sozialen Plastik“ gipfelte auch in einer Ausweitung des Lehrbegriffs. Dies führte schon bald zur Konfrontation, in deren Folge er seine Professur an der Düsseldorfer Akademie 1975 verlor. Beuys schonte sich und die Öffentlichkeit in dieser Konfrontation, die aus einer inneren Überzeugung entstanden war, nicht.

Die im Lauf der 1960er Jahre erfolgten Happenings und Fluxusaktionen wie etwa Festum Fluxorum Fluxus 1963 hatten schon die Richtung gewiesen, in die Beuys später gehen sollte. 1965 fand in der Düsseldorfer Galerie Schmela die noch heute legendäre Aktion „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ statt: Das Publikum konnte nur durch die Scheiben der Galerie beobachten, wie Joseph Beuys, den Kopf mit Honig bestrichen und mit Blattgold belegt, seinem (toten) Lieblingstier seine an der Wand befindlichen Bilder erklärte. Dass sich dies mit dem Kunstbegriff einer breiten Öffentlichkeit nicht deckte, war klar. Für das bürgerliche Lager bedeutete dies pure Provokation. Dennoch war Beuys kein Agitator, wenngleich seine Aktionen zugleich als zutiefst berührend und irritierend empfunden wurden.

Bereits 1962/63 hatte er zu seinen künstlerisch bevorzugten Materialien gefunden: Fett, Filz und Kupfer, alles Materialien mit energetischem Charakter, einerseits isolierend, andererseits energiespendend oder leitend. Bald galt er als Schamane der zeitgenössischen Kunst, dessen Aktionen sehr intime und nicht leicht zugängliche Kammerspiele wurden. „I like America and America likes Me“ 1974 in der Galerie von René Block in New York mit einem Kojoten, ein den nordamerikanischen Ureinwohnern heiliges Tier, ist dafür beispielhaft. 1982, anlässlich der Documenta 7 in Kassel erregte er mit der Aktion „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ beträchtliches Aufsehen. Deren Vollendung erlebte er schließlich nicht mehr,

Joseph Beuys konnte Menschen bewegen mit Worten, Taten und durch seine Werke. Sich mit seinem umfassenden Werk, den Skulpturen, Aktionen und Rauminstallationen eingehend zu beschäftigen, ist ein Wagnis und dennoch äußerst bereichernd. Man begegnet darin einem kritischen Geist und Künstler, der ein vielschichtiges, anspruchsvolles Werk hinterlassen hat.

In der Ausstellung „Im Freien – Niederländische Landschaft um 1900“ in Schloss Moyland ist eine Auswahl von Beuys‘ grafischen Arbeiten aus der Sammlung van der Grinten in Bezug mit früheren Landschaftsdarstellungen zu sehen. „Joseph Beuys – Werklinien“ im zehn Kilometer entfernten Museum Kurhaus Kleve wird ab 1. Mai gezeigt und ist seinen skulpturalen Arbeiten gewidmet.

Stiftung Museum Schloss Moyland

Niederländische Landschaft um 1900

13. März bis September 2016

www.moyland.de

Museum Kurhaus Kleve

„Joseph Beuys – Werklinien“

1.Mai bis 4.September 2016

www.museumkurhaus.de

Thomas Kahler, Ärzte Woche 16/2016

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