zur Navigation zum Inhalt
© Arndt Striegler
Vom Krankenbett aus berichtet Springers Großbritannien-Korrespondent Arndt Striegler von seinem Klinikalltag als Patient.
© sudok1 / fotolia.com
 
Leben 19. April 2016

Im NHS wird jeder versorgt

„Ich bin heilfroh, in London Patient zu sein und nicht in Los Angeles“ – 6. Tag des Krankentagebuchs.

Unser Korrespondent Arndt Striegler verlässt nach einer Woche das St. Thomas Hospital. Dort erlebte er das britische NHS-System am eigenen Leib und berichtete in unserem Blog vom Krankenbett aus. Heute zieht er Bilanz und nennt Vor- und Nachteile des britischen Gesundheitsdienstes.

Entlassungstag! Ich fühle mich besser, die Antibiotika werden nicht länger intravenös, sondern oral verabreicht. Der Husten nervt zwar besonders nachts, da er mich am Durchschlafen hindert, aber wenn ich vergleiche, wie ich mich vor sechs Tagen fühlte, als ich mit akuter Pneumonie hier ins Londoner St. Thomas Hospital eingeliefert wurde – kein Vergleich zu heute! Keine Frage, es geht aufwärts.

Akuter Personalmangel

Ich warte auf mein letztes Check-up und die Entlassungspapiere. Eine genaue Zeit dafür gibt es nicht, denn auch heute herrscht wieder akuter Personalmangel auf meiner Station „Albert Ward“. Anstatt zwei oder drei Stationsärzte (für rund 40 Patienten) zu haben, gibt es einen Arzt. Und der tut sein Bestes, ist aber ganz eindeutig überfordert. Geduld ist daher wichtig als Patient des staatlichen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS).

Eine Anmerkung zur Arzt-Patienten-Ratio: In den vergangenen Tagen habe ich beobachtet, dass die auf meiner Station diensthabenden Ärzte zusätzlich zu den rund 40 Patienten, die mit mir hier liegen, auch noch Aufgaben auf anderen Stationen übernehmen müssen.

Immer wieder kommt es vor, dass der Piepser eines Arztes während der Morgenvisite einen Laut von sich gibt und der Arzt plötzlich auf einer anderen Station im St. Thomas Krankenhaus benötigt wird. Kein Wunder, dass die Unzufriedenheit innerhalb der britischen Ärzteschaft mit den Arbeitsbedingungen im NHS größer ist als je zuvor; denke ich so, während ich warte. Ich denke zurück und versuche, für mich persönlich, ein kleines Fazit meiner sechs Tage als NHS-Patienten in einem großen Londoner Staatskrankenhaus zu ziehen.

Bürokratie – von Null auf haarsträubend

Gut, nein: Ausgezeichnet war die medizinische Versorgung. Man stelle sich vor: Ich komme nachts um 2.30 Uhr in die Notaufnahme. Anstatt nach Ausweis und Versicherungsdetails zu fragen, werde ich sofort untersucht und medikamentös versorgt. Ohne weitere bürokratische Hürden wird für mich ein Bett gefunden. Das war klasse und es fühlt sich unglaublich gut an, zu wissen, dass, wenn es mir wirklich schlecht geht, ein Gesundheitsdienst da ist, der rasch hilft.

Wenn ich das mit meinen Krankenhauserfahrungen zum Beispiel in Amerika vergleiche ... ich bin ehrlich gesagt heilfroh, in London Patient zu sein und nicht in Los Angeles!

Doch es gibt auch negative Erfahrungen. Die interne Bürokratie ist haaresträubend. Ich denke nur an meine Verlegung vom zweiten in den dritten Stock, die drei Stunden dauerte, weil vorher so viele Formulare ausgefüllt werden mussten und dann die Helfer fehlten, um mich die eine Etage höher zu transportieren. Das war schlecht. Der Ärztemangel auf den Stationen ist ebenfalls schlecht, da er mich als Patient verunsichert.

Müder Salat

Ich warte nach wie vor auf den Stationsarzt und meine Entlassungspapiere, lese zum Zeitvertreib etwas in der heutigen Ausgabe der „Times“. Auf Seite 6 steht: „Übergewicht und Adipositas kostet den NHS jährlich rund elf Milliarden Pfund.“ Wow!, denke ich. Das ist viel Geld. Ich schmunzel und denke: Die Dicken, die diese Gesundheitskosten verursachen, können unmöglich hier im St. Thomas Hospital gewesen sein.

Die Verpflegung ist nämlich spartanisch: Zu kleine Portionen und schmecken, nein schmecken tut die Krankenhauskost auch nicht. Alles ist breiartig, die Mini-Gemüsebeilagen zerkocht und wenn es mal Salat als Beilage gibt, dann sieht dieser so aus, als wenn er zwei Tage irgendwo zwischengelagert wurde: schlaff und wenig inspirierend. Ich denke, wenn ich länger hierbleiben würde, wäre ich null Komma nichts fünf Kilogramm leichter.

Plötzlich erscheint der Stationsarzt. Er entschuldigt sich für die Verspätung, erklärt mir, dass es mir wieder gut genug geht, um nach Hause zu gehen. Ich bin froh, denn ich bin lieber zu Hause als im Krankenhaus. Der Krankenhausarzt wird an meinen Hausarzt schreiben und dieser wird sich um meine weitere Versorgung kümmern. Ich verabschiede mich von den Krankenschwestern und -pflegern auf meiner Station und von meinen Bettnachbarn und gehe in Richtung Aufzug. Goodbye St. Thomas Hospital!ÄZ

Arndt Striegler, Ärzte Woche 16/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben