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© (5) Martin Burger
Diptam in Natur und als Stich: Seine prachtvollen Blütentrauben verströmen ihren Zitronenduft im Mai & Juni
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Diptam in Natur und als Stich: Seine prachtvollen Blütentrauben verströmen ihren Zitronenduft im Mai & Juni

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Gerhard Wasshuber Schriftsteller

„Blumen einst und jetzt“: Präsentation im Kaisersaal von Stift Heiligenkreuz: aufgeschlagene Originalbände – Wert (gesehen im Internet) rund 129.000 Euro.

© Martin Burger
 
Leben 12. April 2016

Barocker Google in Heiligenkreuz

Wissenschaftsgeschichte: 60 ausgewählte Kupferstiche von Wienerwaldpflanzen, ein bibliophiler Schatz.

Ein vergleichender Bildband des Drucktechnikers Gerhard Wasshuber und des Botanikers Georg Grabherr macht die botanische Enzyklopädie des Barock-Apothekers Johannes Wilhelm Weinmann aus dem 18. Jahrhundert für heutige Leser zugänglich. Vom Original sind nur noch wenige Gesamtausgaben erhalten, eines davon wird in einer Klosterbibliothek im Wienerwald aufbewahrt.

„Ich habe nur meinen Senf dazugegeben, die Leute sollen mit dem Buch eine Freude haben.“ Gerhard Wasshuber hat soeben sein Lebenswerk vorgelegt. Der gelernte Drucktechniker und Pflanzenfreund hat einen bibliophilen Schatz geborgen, der seit Jahrhunderten in der Stiftbibliothek von Heiligenkreuz im Wienerwald verwahrt wird: die „Phytanthoza Iconographia“ von Johannes Wilhelm Weinmann. Wasshuber hat aus den mehr als 1.000 Stichen des Originals 60 Pflanzen ausgewählt, die im Wienerwald vorkommen, hat diese mit aktuellen Pflanzenbildern kombiniert und mit Kommentaren zu Druckverfahren versehen. Das botanische Lektorat übernahm Prof. Dr. Georg Grabherr.

Der Barock-Naturforscher und Apotheker zu Regensburg, Weinmann, hat in zehnjähriger Arbeit das botanische Wissen seiner Zeit gesammelt und ein drucktechnisch äußerst anspruchsvolles Werk vorgelegt, das in vier Foliobänden (1737, 1739, 1742 und 1745) in Regensburg erschienen ist. Das Folioformat entspricht in etwa unserem heutigen A 3.

Eine vorlinneische Vorlage

Ein nachhaltiges Werk: Denn bemerkenswerterweise ist Weinmanns Schöpfung bis heute erhalten. Ein Wunder. Geschäftstüchtige Antiquare nahmen schon seinerzeit die Bände auseinander verkauften die insgesamt 1052 prachtvollen handkolorierten Kupferstichblätter an betuchte Kunden. Weinmann arbeitete vor dem Erscheinen der Hauptveröffentlichungen von Carl Linné (Species Plantarum 1753, Systema Naturae 1758), mit der die wissenschaftliche Nomenklatur der Pflanzen und Tiere auf neue Beine gestellt wurde. Weinmanns Werk war da bereits wissenschaftlich überholt.

Zum zweiten ist bemerkenswert, dass, von allen wissenschaftlichen Institutionen auf diesem Planeten, dieses Werk ausgerechnet in der Stiftbibliothek der Zisterzienser in Heiligenkreuz (NÖ) die Jahrhunderte überdauert hat, und nicht etwas in der Nationalbibliothek in Wien. Ein Kulturwissenschaftler des Ordens, Pater Moses Hamm, erklärt sich das so: „Die beginnende Aufklärung bedeutete einen Schub für die Naturforschung. Das ging so weit, dass forschende Brüder das Chorgebet bald als Behinderung ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit ansahen.“ Man dürfe getrost davon ausgehen, dass den Mönchen in der Fastenzeit nicht nur biblische Texte ausgehändigt wurden. Klöster wie das Stift Kremsmünster beschäftigten sich mit Wetterbeobachtung, erweiterten beständig ihre Naturaliensammlung und unterhielten eine Sternwarte. In Heiligenkreuz wurde nachweislich ab 1731 eine Sammlung von Naturobjekten eingerichtet. Pflanzenbestimmungsbücher von Linné oder seinen Vorgängern waren stark nachgefragt bei den Brüdern, die jenseits der Klostermauern die Natur studierten.

Blättert man mit behandschuhten Fingern durch die vergilbten Buchseiten fragt sich ein heutiger Leser allerdings: Was sind Saubrot, Waldrübe und Schweinsbrot? Antwort: Alte Namen für ein- und dieselbe Pflanze, das Alpenveilchen. Doch da beginnt schon die Schwierigkeit, die Gattung Zyklamen umfasst mehrere Arten und welche ist nun genau gemeint, nach heutiger, molekularbiologisch gestützter taxonomischer Auffassung? Ein Orchideen-Problem im Original macht die Beschränkungen des Bestimmens alter Pflanzenabbildungen deutlich. Grabherr – eine Abbildung drei Deutungen: „Es könnte sich sowohl um das Purpur-Knabenkraut als auch um das Dreizahn-Knabenkraut handeln. Auch wäre an das Helmknabenkraut zu denken.“ Die Titel-Fotografie des neuen Buchs zeigt jedenfalls das Dreizahn-Knabenkraut.

Weinmann schreibt über sein Werk: „auf das netteste in Kupfer gestochen, und zugleich durch eine längst-verlangte und neu erfundene Art,nach der Natur mit lebendigen Farben, in anmuthigsten Abbildungen herausgegeben und verlegt“. Experte Wasshuber: „In der Barockzeit konnten keine mehrfarbigen Kupferstichdrucke passergerecht hergestellt werden.“ Die Lösung offenbart sich in der Makroaufnahme. Wasshuber: „Die Kupferplatten beinhalten alle Texte und Konturen von Blumen und Blättern. Und jetzt ist unter dem Vergrößerungsglas zu erkennen: Die Schriften wurden schwarz, die Konturen der Blumen je nach Art rot, blau, gelb, die Ständgel und Blattkonturen jedoch grün eingefärbt.“ So konnten alle Konturen in einem Druckvorgang erhaben erhalten werden. „Ein ungeheurer Aufwand.“

Weinmanns in Heiligenkreuz erhaltene Folianten wirken nicht nur wegen ihrer abgegriffenen Ledereinbände mit Goldprägung wie aus der Zeit gefallen, sondern sind auch inhaltlich veraltet. Im Original ist von „Pflantzen“ (sic!), Bäumen, Stauden und Schwämmen „aus allen vier Welt-Theilen“ die Rede. Das entsprach dem damaligen Wissensstand ohne Australien als fünftem Kontinent. Für aufmerksame Leser: Cover und Bildteil des Buchs weisen jeweils weiße Hintergründe für die Kupferstiche und schwarze Hintergründe für die Fotografien auf, angelehnt an die Kleidung der Zisterzienser.

Gerhard Wasshuber, Blumen einst und jetzt, Klosterbibliothek Heiligenkreuz – Biosphärenpark Wienerwald, 208 S., Pustet, Hardcover, 36 Euro, ISBN 978-3-7025-0778-7

Info: Stift Heiligenkreuz

Im Jahr 1133 gründete der Babenberger-Herzog Leopold III. der Heilige das Kloster im Wienerwald. Die ersten Zisterziensermönche kamen aus dem Kloster Morimond (Burgund). Die weitläufige Klosteranlage entwickelte sich aus bescheidenen Anfängen. Gemäß der Benedikt-Regel „ora, labora et lege“ war Heiligenkreuz nicht nur ein Ort der Einkehr, sondern auch der Betriebsamkeit. Die Mönche führten in der Land- und Forstwirtschaft moderne Bearbeitungs- und Fertigungsmethoden ein. In den 2005 gegründeten Biosphärenpark Wienerwald brachten sie Besitzungen ein, aus denen die Kernzone Helenental entstand (215 ha).

Martin Burger, Ärzte Woche 15/2016

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