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© Arndt Striegler
Vom Krankenbett aus berichtet Springers Großbritannien-Korrespondent Arndt Striegler von seinem Klinikalltag als Patient.
© eunikas / fotolia.com

Auch in England kommen viele Leute zu den Ambulanzen, obwohl sie eigentlich im niedergelassenen Bereich gut aufgehoben wären.

 
Leben 12. April 2016

Zugewandert und überlastet

„Ich fühle mich schuldig, wenn ich einen Arzt anspreche“ – Tag 5 des Krankentagebuchs.

Unser Korrespondent Arndt Striegler liegt als Patient im Londoner St. Thomas Hospital – und erlebt das britische NHS-System am eigenen Leib. In unserem Blog berichtete er vom Krankenbett. Heute erzählt er von der Kehrseite einer für Patienten kostenlosen Gesundheitsfürsorge.

Es geht mir jeden Tag ein bisschen besser und das zeigt sich unter anderem darin, dass mich Missstände auf meiner Station, die mir vor zwei, drei Tagen nur nebensächlich erschienen, plötzlich irritieren.

Verspätet und gestresst

Beispiel Morgenvisite: In der Regel kommen die Stationsärzte (meist junge Assistenzärzte) morgens zwischen 9:30 Uhr und 11 Uhr. Sie reden kurz mit mir, schauen sich die Krankenakte an, in die aktuellen Blutwerte, Herzfrequenz und Details über Medikamente zu lesen sind, und wenn alles im grünen Bereich scheint, zum nächsten Patienten gehen. Das Ganze dauert nicht länger als zwei bis drei Minuten.

Heute Morgen freilich ließ die Morgenvisite auf sich warten. Genauer gesagt: Sie kam schließlich zweieinhalb Stunden verspätet. Der junge Stationsarzt war allein (ungewöhnlich), entschuldigte sich für die Verspätung und war ganz eindeutig gestresst. „Ich bin heute allein“, erklärt der Mediziner seine Situation. „Bei uns fehlen die Ärzte an allen Ecken und Enden.“ Das merke ich als Patient.

Die wenigen Ärzte, die auf der Station zu sehen sind, sind stets in großer Eile und ich fühle mich jedes Mal schuldig, wenn ich versuche, kurz mit ihnen zu reden, denn ich möchte ja nicht noch zu ihrer ohnehin schon hohen Arbeitsbelastung negativ beitragen!

Jede fünfte Stelle unbesetzt

Das Londoner St. Thomas Hospital, in dem ich seit nunmehr fünf Tagen wegen akuter Pneumonie als Patient stationär behandelt werde, ist keinesfalls die Ausnahme, wenn es um Ärztemangel innerhalb des staatlichen britischen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS) geht. Laut Londoner Gesundheitsministerium fehlen landesweit „mehrere tausend“ Krankenhausärzte. In einigen Kliniken bleibt derzeit bis zu jede fünfte Stelle unbesetzt.

Daher hat der NHS allein in den vergangenen zwölf Monaten rund dreitausend Ärzte im Ausland angeheuert. Polen, Indien, Australien und Griechenland sind einige der Länder, in denen die Briten derzeit besonders aktiv nach Ärzten suchen.

Kehrseite der kostenlosen Gesundheitsfürsorge

Und dass auf meiner Station die Ärzte fehlen, ist ganz offensichtlich. Zugegeben, im Spätwinter ist der Druck auf die Kliniken wetterbedingt besonders groß. Doch „das ständige Jonglieren“ (so die Stationsschwester) gehört hier, genau wie in den meisten anderen staatlichen britischen Kliniken, längst ganzjährig zum Klinik-Alltag. Und ich denke plötzlich: Das ist die Kehrseite einer für Patienten kostenlosen Gesundheitsfürsorge; es gibt wenig Anreize, die NHS-Angebote nicht anzunehmen.

Zahlen zeigen, dass viele Besuche auf den Notfallstationen und Ambulatorien der Kliniken unnötig sind und besser entweder in der Hausarztpraxis oder Zuhause therapiert würden. Ich überlege kurz, ob ich so ein Fall bin. Und denke: Nein, akute Pneumonie und die Ärzte in der Notfallmedizin, die mich vor einigen Tagen untersuchten, wiesen mich sofort ein. Das hatte natürlich seinen Grund.ÄZ

Arndt Striegler, Ärzte Woche 15/2016

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