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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 5. April 2016

NebenWirkungen: Das höchste Amt im Spital

Demokratie wurde in den Krankenhäusern immer schon klein geschrieben.

In Kürze wird in Österreich das höchste Amt im Staat bekleidet, da es doch ziemlich unziemlich wäre, dieses Amt in Zukunft nackt im Staat herumlaufen zu lassen. Es gibt auch einige Anwärter, die sich als Kleidung gerne zur Verfügung stellen. Allesamt unabhängig, mit gewissen privaten politischen Neigungen, die aber nichts zur Sache tun.

Im Vorfeld wird spekuliert, wer wohl den Job als Bundespräsident am besten machen könnte, ob es diesen Job überhaupt geben sollte (da man bei der Neujahrsansprache ohnehin zu verkatert ist, um sie mitzubekommen), und inwiefern der Job attraktiv ist (da es eigentlich keine beruflichen Aufstiegschancen gibt, außer vielleicht Papst). Im Nachfeld wird man sich über die Jahre hinweg an das präsidiale Gesicht gewöhnen, wie an einen netten Onkel oder nette Tante, die ab und an mal vorbeischaut, mit freundlichen oder mahnenden Worten einen Hauch von Autorität versprüht, von der großen, weiten Welt berichtet und erklärt, dass es besser ist, sich lieb zu haben, statt sich zu streiten. Als demokratischer Kaiserersatz in der Hofburg residierend kann das Volk am Tag der offenen Tür zur Audienz kommen, die erste Hand Österreichs schütteln und mit einem jovialen „Ich kenn Sie aus’m Fernseh’n!“ Gemeinsamkeiten hervorheben.

Im Gegensatz dazu wird im Krankenhaus der Belegschaft ein Klinikpräsident einfach vor den Latz geknallt. So weit, so undemokratisch. Dafür fällt aber auch ein langer und kostspieliger Wahlkampf im Spital weg. Keine Plakate, die versprechen: „Wenn ich Chef bin, gibt’s immerwährend Croissants zur Morgenbesprechung!“. Keine Elefantenrunden, in denen sich die Kandidaten gegenseitig zur Sau machen und die fachlichen Mängel hervorkehren: „Ihre Therapie war schon im 19. Jahrhundert veraltet“; „Wie wollen Sie eine Klinik leiten, wenn Sie schon Schwierigkeiten dabei haben, eine Vene zu finden“ oder „Wenn Sie am Ruder sind, sparen wir wenigstens den Aufwachraum neben dem OP ein!“ Solche untergriffigen Diskussionen werden zumindest nicht in der Öffentlichkeit ausgetragen, da die Öffentlichkeit von der Wahl ausgeschlossen ist und nur staunend drauf warten darf, bis aus der Ferne weißer Rauch aufsteigt, der das Ankommen des neuen Oberhauptes im Krankenhaus ankündigt.

Ob zeitgemäß oder nicht, es kann sich Jedermann und -frau bewerben, um die Geschicke der Klinik zu leiten. Zwar gibt es keine Wahl durch das gemeine Volk, dafür aber ein Gremium, Hearing, sicher auch ein wenig Pushing, etwas Lobbying und Under-the-carpet-Kehring. Und wenngleich man vor der Wahl nicht viel mitreden darf, hat man nach der Wahl immerhin das beruhigende Gefühl, dass man eine ungeeignete Person zur Not bei der nächsten Wahl wieder abwählen kann. Oder hat man da jetzt was verwechselt? Zumindest aber darf man einmal im Jahr im Rahmen der primarärztlichen Audienz zu Weihnachten die oberste Hand schütteln. Und das sollte den Mangel an Demokratie eigentlich wieder aufwiegen.

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