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Erkenntnisse aus der Wiederbelebungseinheit: Am Wochenende blockieren Drogenunfälle 80 Prozent der Notfallstation.
© Arndt Striegler

Vom Krankenbett aus berichtet Springers Großbritannien-Korrespondent Arndt Striegler von seinem Klinikalltag als Patient.

 
Leben 5. April 2016

Drogenmissbrauch ist an der Tagesordnung

„Ich höre die Schreie der jungen Frau noch vier Tage später“ – Tag 4 des Krankentagebuchs.

Unser Korrespondent Arndt Striegler liegt als Patient im St. Thomas Hospital – und erlebt das britische NHS-System am eigenen Leib. In unserem Blog berichtete er vom Krankenbett. Heute erzählt er vom Warten in der Wiederbelebungsstation.

Tag vier als Patient im Londoner St. Thomas Krankenhaus. Ich fühle mich besser, frage meine behandelnden Ärzte in immer kürzer werdenden Abständen: Wann werde ich entlassen (noch kein Datum)? Trotz meiner zunehmenden Ungeduld wird die Sache nicht langweilig: Ständig wechseln die Bettnachbarn auf meiner Station „Albert Ward“.

Es gibt 32 Betten hier und man merkt, dass draußen tiefster Winter ist – zu keiner anderen Jahreszeit werden in Großbritannien mehr Patienten ins Krankenhaus eingewiesen wie jetzt. Es bleibt also interessant. Ich denke so vor mich hin. Zufrieden bin ich. Zufrieden, in dieser Weltklasseklinik untergekommen zu sein zu einer Zeit, in der Betten im staatlichen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) besonders rar sind.

Um diese tiefe innere Zufriedenheit zu verstehen, müssen wir die Uhr einige Tage zurückdrehen.

Zwischengeparkt in der Wiederbelebungsunit

Ich fühle mich elend. Gliederschmerzen, Fieber (38,8°C), Übelkeit, Husten und kurzatmig. Das fängt morgens an, wird tagsüber immer schlimmer und kurz nach Mitternacht ist alles so schlimm, dass ich mir ein Taxi zur Tür bestelle, um in die Notaufnahme des nahen St. Thomas Hospital zu fahren.

Anders als oft, wenn man bis zu vier Stunden auf eine ärztliche Konsultation warten muss, ist in dieser Nacht relativ wenig Betrieb. Sechs Patienten sind vor mir, nach rund 50 Minuten werde ich von der diensthabenden Stationsärztin untersucht. Diagnose: akute Pneumonie. Eine stationäre Einweisung scheint sinnvoll. Da aber kein Bett frei ist, werde ich zunächst in der Wiederbelebungseinheit (sechs Betten) zwischen geparkt. Hier werden die akuten Notfälle behandelt, wie ich wenig später erfahren werden. Mir werden intravenös erste Antibiotika verabreicht, dazu fiebersenkende Mittel. Dann heißt es warten. Warten auf ein Bett in den oberen Etagen.

Egal Millionär oder Obdachloser: Im NHS sind alle gleich

Zeit, um nachzudenken; ich denke: Das ist schon großartig. Ich schneie mitten in der Nacht und ohne Voranmeldung in die Notaufnahme einer weltberühmten Klinik in einer der teuersten Städte der Welt. Niemand fragt mich nach Ausweis oder gar Zahlungsdetails. Stattdessen dreht sich alles darum, mir zu helfen, mich wieder gesund zu machen. Das ist das Prinzip des NHS: Zugang für alle, egal ob Millionär oder Obdachloser. Alle sind gleich.

Zugegeben: Im Regelfall erfolgt der Zugang zu Kliniken, wie dem St. Thomas und den hier praktizierenden Fachärzten, stets über den Hausarzt; der muss überweisen. Aber Notfälle wie meiner sind anders.

Junge Patientin mit kurzem Kleid, Glitzerbluse und 220 bpm

Ein Erlebnis aus jener Nacht bleibt in meiner Erinnerung: Gegen 1:15 Uhr wird eine junge Patientin, gekleidet in kurzem Kleid, Glitzerbluse und High Heels eingeliefert. Ihr männlicher Begleiter weint hemmungslos. Die Patientin ist kurz zuvor in Vauxhall, einem unweit gelegenen Nightclub Bezirk Londons, auf der Straße zusammen gebrochen. Die Ärztin fragt: Haben sie getrunken? „Ein, oder zwei Gläser Champagner. Und etwas Red Bull“, antwortet die junge Frau.

Ihr Begleiter weint weiter und eine Krankenschwester muss ihn beruhigen. „Sonst irgendwas genommen?“, fragt die Ärztin. „Nein.“ Der Pulsmesser deutet auf anderes hin: 220 bpm! Ich höre von meinem Bett aus, wie das Herz der jungen Frau rast. Die Ärztin konsultiert einen Kollegen. Und es wird entschieden, das Herz der Patientin künstlich zu stoppen, um es dann neu zu starten.

„Das wird sehr schmerzhaft“, warnt die Ärztin. Und rät dem völlig von der Rolle scheinenden Begleiter, den Raum zu verlassen. Per Elektroschock wird das Herz für einige Sekunden angehalten. Die Schreie der jungen Frau gehen mir durch Mark und Bein. Ich höre sie jetzt noch, vier Tage später. Die Prozedur ist erfolgreich und die junge Frau kommt in eine Ausnüchterungsstation.

Später berichtet eine der Krankenschwestern, dass derartige Drogenunfälle jedes Wochenende bis zu 80 Prozent der Kapazitäten auf der Notfallstation im St. Thomas Hospital blockieren. Das war vor fünf oder zehn Jahren nicht so. „Wir haben uns dran gewöhnt und es wird schlimmer.“ Leben in London 2016.ÄZ

Arndt Striegler, Ärzte Woche 14/2016

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