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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 29. März 2016

Zuckersteuer für den Zuckerstreuer

Die Briten wollen süße Lebensmittel besteuern – wieder mal!

Dass süß ungesund ist, dürfte sich bei unseren Patienten schon rumgesprochen haben. Immerhin waren wir die letzten Jahrzehnte überaus lästig, haben ihnen Diabetes, Karies oder Pilzerkrankungen an den Leib prognostiziert, so sie der süßen Versuchung nicht widerstehen würden. Zucker ist in der Wahrnehmung daher heute mindestens genauso bedrohlich, wie der internationale Terror oder die globale Erwärmung. Nur dass sich in der Regel weder Terror noch globale Erwärmung in den eigenen vier Wänden befinden, es sei denn, man hat einen bockigen Teenager zu Hause, der sich weigert, sein Zimmer zu lüften.

Perfide ist der Zucker auch deshalb, weil er nicht offensichtlich in den Mund der Opfer springt, sondern sich versteckt! Eine Mohntorte ist schon süß, bevor man den Staubzucker draufgibt. Angeblich! Hier wird natürlich viel Panik betrieben. So halte ich das Gerücht, wonach in einem Liter Cola tatsächlich 36 Stück Würfelzucker sein sollen, für eine reine Verschwörungstheorie. Denn so ein Stück passt kaum durch den Flaschenhals, geschweige denn durch einen Strohhalm. Die versteckten Zuckerstücke sind aber auch in Dingen drin, die offenkundig vielleicht gar nicht als süß empfunden werden: In der Tiefkühlpizza, im Gulasch, im Lebenspartner!

Nun soll in Großbritannien eine süße Steuer eingeführt werden, für Getränke ab fünf bzw. acht Gramm Zucker pro 100 Milliliter. Man erhofft sich gesündere Inselbewohner und nebenbei auch eine gesündere Staatskasse. Ob der geneigte Brite jedoch tatsächlich eher zum geräucherten Schellfisch, denn zum Plumpudding greift, weil dieser um 5 Pence teurer ist, wäre zu hinterfragen. Zumal man in der englischen Küche sicher gerne auch den Schellfisch mit dem Plumpudding kombiniert.

Die Geschichte lehrt uns, dass Steuern auf ungesunde Dinge nicht allzu abschreckend wirken: So teuer können Zigaretten gar nichts sein, so viel Mineralölsteuer lässt sich auf den Sprit gar nicht draufschlagen. Die Menschen mögen zwar dadurch ärmer werden, aber deshalb nicht minder maßlos aus Mündern und Auspuffen qualmen. In Dänemark wurde vor einigen Jahren die kurz zuvor eingeführte Fettsteuer auf Lebensmittel mit gesättigten Fettsäuren wieder fallengelassen. Die Dänen haben ihre Ernährungsgewohnheiten dadurch nicht verändert. Und sind deshalb auch nicht dicker, als alle anderen. Immerhin leben selbst in den USA, als gelobtes Land der zuckerfreien Limonaden, nicht die schlankesten Bewohner der Welt.

Dass immer wieder versucht wird, mit Steuern Gesundheit zu machen, mag zwar von der Grundidee gut gemeint sein, bringt jedoch wenig. Auch Awareness-Kampagnen haben nicht den durchschlagenden Erfolg, den man sich wünscht: Eine Informationssendung über schädliche Ernährungsgewohnheiten führt hier ebenso wenig ans Ziel, wie ein Werbeplakat mit „Zucker is’ Orsch!“

Bleibt also nur, unseren Patienten die Selbstverantwortung zu überlassen. Eine Maßnahme, die wir im Grunde unseres medizinischen Herzens jedoch zutiefst fürchten.

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