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Beliebter englischer Gassentanz aus dem 18. Jahrhundert
© Nora Korp

Ursula Mihelic Schauspielerin, Regisseurin und Tanzleiterin

© Nora Korp

Gemeinschaftliches Erleben: Berührung und Begegnung beim Tanzen.

© (2) Thomas Kahler

Kreuzhandfassung beim englischen Gassent.

© Ryan McVay / Thinkstock

Das Erlernen von Figuren und Choreographien fördert die räumliche Orientierungsfähigkeit.

 
Leben 29. März 2016

„Gemeinsames Tanzen wirkt“

Tanzen bringt Lebensfreude und hat in mehr als nur einer Hinsicht eine positive therapeutische Wirkung. Für ältere Menschen dient es zum Training der Motorik und der Orientierung im Raum.

Seit nunmehr fünf Jahren ist die Schauspielerin und Regisseurin Mag. Ursula Mihelic als Tanzleiterin in Niederösterreich tätig. Was „Tanzen ab der Lebensmitte“ gerade für ältere Menschen bringt, erklärt sie im Gespräch mit der Ärzte Woche.

Wie kamen Sie dazu, sich als Tanzleiterin ausbilden zu lassen?

Mihelic: Das ist ganz einfach zu beantworten, das liegt bei mir in der Familie. Meine Mutter ist seit 27 Jahren Tanzleiterin und meine Großmutter Juliana hat bereits rhythmische Gymnastik und Tanz unterrichtet. Sie war es auch, die meine Mutter dazu animiert hat. Nach einem schweren Autounfall, der für mich eine Lebenswende bedeutete, beschloss ich, die Tanzleiterausbildung zu machen und habe zunächst in Langenzersdorf in Niederösterreich mit einer Tanzgruppe begonnen.

Was ist das vorläufige Fazit, das Sie aus der Erfahrung mit dieser und weiteren Tanzgruppen ziehen?

Mihelic: Ich mache das nun seit fünf Jahren und leite mittlerweile vier Tanzgruppen, die regelmäßig stattfinden. Die Entwicklung zeigt, dass sich ganz verschiedene Menschen zusammenfinden, um gemeinsam das Rhythmusgefühl, ihre Koordination im Raum und auch die Merkfähigkeit für Tanzfiguren zu schulen. Da geht es auch um gegenseitige Unterstützung, ein durch Partnerwechsel und die Musik geschaffenes Miteinander mit augenblicklichen Erfolgserlebnissen und Glücksmomenten. Man ist auch befreit von der Angst, etwas nicht richtig zu machen, da es keine Verpflichtung zur Perfektion gibt. So entsteht etwas Gemeinsames, wobei man die Qualität jedes einzelnen wahrnimmt. Manche kommen dadurch auch aus ihrer Einsamkeit heraus, werden durch das Tanzen viel lebendiger und blühen auf. Es hat auch große therapeutische Wirkung. Ich kann aus eigener Erfahrung sprechen, da mir nach dem schweren Autounfall in der Phase der Rehabilitation bestimmte Bewegungen im Bereich Becken und Wirbelsäule schwergefallen sind und immer mit Schmerzen verbunden waren. Da hat auch das Tanzen positiv geholfen, die Schmerzen sind über die Jahre geringer geworden

Sie sind Mitglied des Vorstandes des Landesverbandes Niederösterreich des Vereins Seniorentanz Österreich. Wo liegen dessen Hauptaufgabenfelder?

Mihelic: Der Verein wurde 2009 durch das Bundesministerium für Soziales mit dem Zertifikat „Good Practice“ ausgezeichnet und erfüllt seit 2013 mit dem Ö-CERT die Qualitätskriterien in der Erwachsenenbildung. Es geht, kurz gesagt, um gesteigerte Vitalität und Lebensfreude. So kann Tanzen auch dem Verlust geistiger Leistungsfähigkeit vorbeugen, außerdem werden die Motorik sowie Denk- und Erinnerungsprozesse gefördert. Dazu gibt es auch ein an der MedUni Graz entwickeltes Trainingsprogramm, um erlernte Schritte und Bewegungsmuster unter Zeitdruck, also Musik wiederzugeben und sich auch nach einiger Zeit daran zu erinnern. Neues zu lernen, schafft neue Verbindungen im Gehirn, verstärkt die Zellverbindungen und Leistungsfähigkeit.

Inwiefern profitieren gerade ältere Menschen vom Tanzen?

Mihelic: Zusammenfassend lässt sich sagen: Das regelmäßige Tanzen bereichert durch lebenslanges Lernen. Bei älteren Menschen verbessert es Koordination, Orientierung, Gangsicherheit und dient zudem als Kreislauftraining. Das Erlernen von Figuren und Choreographien fördert die räumliche Orientierungsfähigkeit. Es ist schon lange erwiesen, dass gemeinsames Tanzen Demenz vorbeugt und auch antidepressive Wirkung hat.

Braucht man Vorkenntnisse, um mit dem Tanzen in der Gruppe beginnen zu können?

Mihelic: Nein, man kann ohne Vorkenntnisse und ohne einen Partner zum „Tanzen ab der Lebensmitte“ kommen. Schön und hilfreich wäre es jedoch, Freude an Musik und Bewegung mitzubringen. Das Altersspektrum der Tanzenden reicht in meinen Gruppen von 20 bis 89 Jahren, da gibt es nahezu keine Beschränkungen. Für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, gibt es „Tänze im Sitzen“ (TIS). Sie sind sehr anspruchsvoll, da durch Diagonalbewegungen beide Gehirnhälften gefordert werden. Solche Tänze werden auch bereits in Reha-Zentren im therapeutischen Bereich und sehr erfolgreich etwa auch bei Herz- oder Schlaganfallpatienten und in Seniorenheimen sowie Einrichtungen des „Betreuten Wohnen“ eingesetzt und vermittelt.

Woher kommen die Tänze, die Sie vermitteln?

Mihelic: Die kommen aus aller Welt. „Tanzen ab der Lebensmitte“ ging vor etwa 40 Jahren von Deutschland aus, die Tänze wurden und werden ganz spezifisch für ältere Menschen ausgesucht und entwickelt. Für mich als Tanzleiterin ist dabei die Fortbildung sehr wichtig. Ich besuche rund vier bis sechs Weiterbildungen im Jahr, wo ich neue Tänze dazu lerne oder schon gelernten Stoff festigen kann. Besonders liebe ich Kontratänze, die sehr viel mit Form und Orientierung im Raum zu tun haben. Aber an sich ist das Programm durchmischt, es reicht beispielsweise von Rumba, Walzer bis zum Tango, aber auch armenische, griechische, amerikanische oder irische Tänze sind in unserem Repertoire. Übrigens findet das internationale Seniorentanztreffen (ISDC 16) in diesem Jahr in der burgenländischen Vila Pannonia statt.

Wie viele Tanzgruppen gibt es derzeit in Österreich?

Mihelic: Laut Landesverband sind es in Niederösterreich 158 Gruppen mit 2916 Tänzern und Tänzerinnen die von 80 Tanzleitern betreut werden. Von den österreichweit etwa 1000 Seniorentanz-Gruppen mit ca. 25.000 Tänzerinnen und Tänzern, gibt es in Oberösterreich 200, in Wien 55 und in ganz Salzburg 80 Gruppen.

Über die österreichweiten Angebote zu „Tanzen ab der Lebensmitte“ kann man sich entweder über die Homepage des Verbandes oder den jeweiligen Landesverband informieren.

Das Gespräch führte Thomas Kahler

www.Seniorentanz.at

www.tanzenabderlebensmitte.at

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