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© Arndt Striegler
Vom Krankenbett aus berichtet Springers Großbritannien-Korrespondent Arndt Striegler von seinem Klinikalltag als Patient.
© Silvia Bogdanski / fotolia.com

In Nigeria wird Kranken gerne eine Pfeffersuppe serviert; fiebersenkend und heilend – ihre Wirkung soll seit über hundert Jahren belegt sein.

 
Leben 29. März 2016

Heilsame Pfeffersuppe

Krankenversorgung in London: Ein halbes Dutzend Überraschungen; und das jeden Tag – Tag 3 des Krankentagebuchs.

Springer-Korrespondent Arndt Striegler liegt als Patient im St. Thomas Hospital – und erlebt das britische NHS-System am eigenen Leib. In einem Blog berichtete er vom Krankenbett. Heute erzählt er, warum Pfeffersuppe besser ist als Medizin.

Drei Tage bin ich nun schon hier, denke ich heute Morgen, kurz nach dem Fiebermessen, Blutdruck-Check, Medikamentenausgabe und – sehr englisch – der morgendlichen Tasse Tee. Der Stationsarzt kommt später und ich habe es gestern zum Beispiel erlebt, dass die „Morgenvisite“ um 14.20 Uhr (!) schließlich stattfand.

Erst verschoben, dann gestrichen, plötzlich dringend

Im März herrscht Hochbetrieb im St. Thomas Hospital: mehr wetterbedingte Erkrankungen, mehr – oft krankheitsbedingte – Personalausfälle. Ich lerne: Geduld braucht man als staatlicher Patient. Und ein gewisses Maß an Akzeptanz.

Mit Beginn der Einweisung startet eine andere, neue Zeitrechnung. Konsultationen werden verschoben, Röntgentermine gestrichen, bloß um elf Minuten später wieder gebucht und dann plötzlich als „urgent“ deklariert zu werden.

Das Dinner kommt manchmal um 17 Uhr, manchmal um 17.45 Uhr. Aber das ist alles nebensächlich, denn ich sehe ja, wie hektisch Ärzte und Pfleger über die Flure meiner Station „Albert Ward“ wirbeln. So sieht National Health Service (NHS) unter Druck aus.

Was mich immer wieder verblüfft, wenn ich mit den Ärzten und Krankenschwestern einmal kurz plaudern kann: Alle sind hoch motiviert, alle sind stets freundlich und leicht anzusprechen, alle sind kompetent. Das beruhigt einen als Patienten sehr. Denn ehrlich gesagt: Die leicht vergilbten Wände, tropfenden Wasserhähne auf der Herrentoilette und bröckelnden Wandverzierungen erwecken nicht gerade den Eindruck einer hoch-modernen Universitätsklinik, die auf Weltklasse-Ebene spielt. Das tut sie aber.

Das macht mich ein klein wenig stolz, denn St. Thomas Hospital im Londoner Stadtteil Lambeth ist mein lokales Krankenhaus (in wohne nur zehn Gehminuten entfernt). Wer nicht gerne überrascht wird, der sollte Kliniken wie das St. Thomas freilich meiden. Es vergeht kein Tag, an dem nicht mindestens ein halbes Dutzend überraschende Dinge geschehen.

Heute zur Mittagszeit zum Beispiel. Eines der Begleitsymptome meiner Lungenentzündung, wegen der ich stationär behandelt werde, ist Fieber. Fiebermessen gehört daher zur täglichen Routine. Heute mittag also kam Krankenschwester Joy, um meine Temperatur zu checken. Joy kommt ursprünglich aus Nigeria, wo sie auch ausgebildet wurde.

Doch der NHS rekrutiert regelmäßig tausende qualifizierte Krankenschwestern in Ländern wie Nigeria, Südafrika, Thailand und den Philippinen, um die in Großbritannien ständig da zu sein scheinende Personallücke im staatlichen Krankenpflegebereich zu stopfen.

Joy liebt ihren Job in London und sie denkt inzwischen nicht mehr an Rückkehr in ihre Heimat. Ja, die Winter seien nass, kalt und lang. Dafür seien die Verdienste besser und gerade für Frauen sei das Leben „100-mal besser als in Lagos“.

Fiebersenkende Pfeffersuppe

Joy ist happy. Und immer wenn sie happy ist, singt sie leise ein Lied aus dem Kirchenprogramm vom vergangenen Sonntag. Oder sie redet über ihr Lieblingsthema: Essen. Ich bin ehrlich gesagt ein ziemlicher Gourmet-Banause, der Kochen als nötiges Übel und Essen eher als auftanken denn als sinnlichen Genuss erlebt. Sorry, Ist nun mal so.

Jedenfalls berichtete Joy heute mittag, wie in ländlichen Regionen Nigerias Fieberpatienten behandelt werden. Das Zauberwort heißt „Pfeffersuppe“. Jede Mutter hat ihr eigenes Geheimrezept zur Zubereitung. Auch Joys Mutter verriet ihrer Tochter kurz vor ihrem Tod das von Generation zu Generation weiter gereichte Rezept für die „Pfeffersuppe Ikot Omin“. Ikot Omin ist das Heimatdorf Joys. Die Suppe sei „besser als jede Medizin“, schwört meine Krankenschwester. Fiebersenkend, heilend und in ihrer Wirkung seit über hundert Jahren belegt.

Wieder denke ich: Solche Sachen wären mir in einem deutschen Krankenhaus bestimmt nicht passiert. Weder Pfeffersuppen-Lobgesänge (von Krankenschwestern, die glatt behaupten, ihre Haussuppe sei besser als alle Arzneimittel, die sie tag-täglich ausgeben). Noch ein Klinikangestellter, der mir auf dem Weg in die Inhaus-Apotheke ernsthaft den Rat gab, ich solle jetzt „besonders viel beten, um wieder zu genesen.“ Only in England.ÄZ

Arndt Striegler/ÄZ, Ärzte Woche 13/2016

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