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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 23. März 2016

Männerschnupfen

Die männlichste aller Krankheiten ist kein Kindergeburtstag.

Meinen lieben Bühnenkollegen Norbert Peter hat es unlängst erwischt. Er hat sich in eine Grippe verliebt. Nicht nur in eine ganz ordinäre Wald-und-Wiesen-grippalen-Infekt-Schönheit, sondern die richtige Grippe, mit 40 Grad Fieber, Gliederschmerzen, Husten und allem, was das Virus im Portfolio anzubieten hat. Das wäre alleine schon ausreichend. Erschwerend kommt hinzu – und hier darf ich meine Schweigepflicht getrost hintanstellen, da es sowieso in den Kabarettbühnen des Landes ein offenes Geheimnis ist –, dass Norbert Peter begeisterter Hypochonder der ersten Stunde ist. Und wenn ein Hypochonder einmal ernsthaft krank wird, ist Schluss mit lustig. Jetzt musste ich im Theater eine Zeit lang ohne meinen Lieblingspatienten auftreten und mich den bohrenden Fragen der Presse stellen, ob der Herr Hypochonder mit seinen 40 Grad nun nicht übertreibt.

Wenn man über Jahrzehnte die Sorgen um die eigene Gesundheit zelebriert, kann man damit rechnen, dass man selbst als Ebola-Fall nicht mehr ernst genommen wird. Das ist natürlich ein Teufelskreis. Denn ist die Ärzteschaft nicht mehr willens, wegen einer verstauchten Zehe eine Ganzkörperszintigrafie in die Wege zu leiten, muss die Dosis der Symptomatik gesteigert werden, bis die Mediziner das Gerät endlich anwerfen. In diese Kategorie fällt auch der allseits bekannte „Männerschnupfen“. Diese lebensbedrohliche Form der Rhinitis acuta, der zurzeit ebenso grassiert, wie die Grippe, wird zu Unrecht nicht ernst genommen. Dabei sind die schwerwiegenden Komplikationen wie rinnende Nase und Mattigkeit nicht zu unterschätzen. Auch wenn ein Mann selbst eine Geburt theoretisch mit einem milden Lächeln auf den Lippen bewerkstelligen könnte, und ein Schlag mit dem Vorschlaghammer auf den Hinterkopf noch lange nicht bedeutet, dass er von der Zeitung aufblickt. Das Schnupfenvirus dürfte weniger in die Nasenschleimhaut dringen, sondern zum einen direkt durch die Blut-Hirnschranke in das limbische System wandern, um emotionale Labilität und Weinerlichkeit hervorzurufen, zum anderen auch die Keimdrüsen befallen und die Testosteronproduktion auf ein Minimum zu reduzieren. Zwar hat Chuck Norris bekanntlich keinen Schnupfen (der Schnupfen hat einen Chuck Norris), aber der Männerschnupfen unterminiert nun gezielt all jene Eigenschaften, die man als männlich subsumiert, also Coolness, Ignoranz und das Unvermögen zur Selbstreflexion.

Nun wurde an der Johns Hopkins School of Public Health festgestellt, dass der Männerschnupfen keine Erfindung der Männer ist, sondern es gibt ihn tatsächlich. Mit anderen Worten: Er ist eine Erfindung der männlichen Wissenschaftler. Das entlastet so manchen Mann, der sich nicht mehr den Vorwurf der Weicheierei gefallen lassen muss. Nun ist es bewiesen, dass das Testosteron vielleicht hart macht, das Immunsystem jedoch weich. Östrogene hingegen fördern die Abwehrkräfte und senken die Virenlast. Also, liebe Männer: Wenn das kein Grund zum Jammern ist!

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