zur Navigation zum Inhalt
© (links) English Heritage/dpa, (rechts) Charles Bowman/dpa
Der Ort des Geschehens – das St. Thomas‘ Hospital in der Lambeth Palace Road, London, um 1871-1900 (links) und heute (rechts).
© Arndt Striegler

Vom Krankenbett aus berichtet Springers Großbritannien-Korrespondent Arndt Striegler von seinem Klinikalltag als Patient.

© (links) English Heritage/dpa, (rechts) Charles Bowman/dpa

Der Ort des Geschehens – das St. Thomas‘ Hospital in der Lambeth Palace Road, London, um 1871-1900 (links) und heute (rechts).

 
Leben 23. März 2016

Krankenversorgung in London

Meine deutsche Flurbekanntschaft – Tag 2 des Krankentagebuchs.

Springer Korrespondent Arndt Striegler liegt als Patient im St. Thomas Hospital – und erlebt das britische NHS-System am eigenen Leib. Dieses Mal blogged er über eine interessante Ärztin.

Ein erfahrener Blogger bin ich ja nicht – haben die erfahrenen Blog-Leser unter Ihnen garantiert auch schon längst gemerkt. Dass aber trotzdem so großes Interesse und Zuspruch nach meinen ersten Londoner Krankenhaustagebuch-Eintragungen kamen: Wow! Danke! Da macht das Weiter-Bloggen gleich doppelt so viel Spaß. Wobei es wohlbemerkt hier erst einmal nicht so sehr um den Blog geht, sondern um das, was ich gerade täglich als Klinikpatienten in einem der größten staatlichen Universitätskrankernhäuser (St. Thomas London) erlebe.

Heute auf dem Weg zum Röntgen. Ich traf zufällig eine junge deutsche Chirurgin, die gerade in London Vertretungsdienste übernimmt. Nennen wir sie Dr. Martina Wagner. Ihren richtigen Namen nenne ich nicht, da das zu Problemen mit ihrem derzeitigen Arbeitgeber, dem National Health Service (NHS), führen könnte.

Zwar hat mir Frau Wagner während unseres kleinen Plausches zwischen dem dritten und dem siebenten Stock und auf dem weiteren gemeinsamen Weg in Richtung Radiologie weiß der Himmel nichts sensationell Neues oder skandalös Schlechtes berichtet. Dennoch konnte ich mir die Frage nicht verkneifen, wieso sie die doch immer noch recht guten Arbeits- und Lebensbedingungen in Deutschland mit dem relativen Chaos eines NHS in der Londoner City tauschte? Ist es das Geld? War es die Liebe? Oder doch etwas anderes? Es war noch etwas anderes. Die Deutsche findet den Verdienst, verglichen mit Deutschland, nicht so top, um dafür gleich Arbeitgeber, Wohnsitz und Aufenthaltsland zu wechseln.

Nervig, brutal – aber Medizin-Metropole

London ist eher nervig und brutal: Wohnungen sind super-teuer und meist schlecht, das Transportwesen funktioniert nur manchmal. Was großen zeitlichen Mehraufwand erfordert, bloß um sicher zu sein, im nicht unwahrscheinlichen Fall eines U-Bahnausfalls oder Busfahrerstreiks dennoch pünktlich auf der Station zu erscheinen. Nein – der Grund für den mutigen Sprung über den Kanal ist die Faszination der Medizin-Metropole London! Nicht meine Worte, sondern die von Frau Wagner. Medizinisch-wissenschaftlich laufen hier die Fäden zusammen. Einige der führenden Fachverlage und Berufsorganisationen haben Dependancen. Und die in London versammelte haus- und fachärztliche Expertise ist atemberaubend. Im Klartext: Networking-Paradies!

17 statt 115 Quadratmeter

Ach so, dachte ich. Eine junge, karrierebewusste deutsche Chirurgin, die vorankommen will. Und gerade als sich in mir so eine leichte Enttäuschung hochwühlen wollte – ich fand zu sehr karriereausgerichtete Menschen noch nie sonderlich faszinierend – sagte Frau Wagner den magischen Satz! „Ich möchte mich auf obdachlose Patienten spezialisieren.“

Das ist also der Grund, eine geräumige 115-Quadratmeter-Wohnung in exponierter Innenstadtlage in Hannover mit einer 17-Quadratmeter-Bruchbude am Londoner Stadtrand zu tauschen. Die Zahl der Obdachlosen in London steigt in jedem Jahr seit 2008 weiter an. Und St. Thomas ist nun einmal das Versorgungszentrum.

Dort sind wissenschaftliche Studien in der Pipeline, wie beispielsweise über den Gesundheitszustand, Therapieangebote und Compliance. Das hängt wohl aber alles am funding. Nächstes Mal berichte ich darüber, wie es sich so liegt, schläft, isst und anfühlt, 24/7 in den Händen der britischen Staatsmediziner zu sein.ÄZ

Arndt Striegler, Ärzte Woche 12/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben