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Leben 15. März 2016

Mit den Hormonen in den Lenz tanzen

Nicht höhere Temperaturen sind Auslöser für bessere Stimmung, sondern die zunehmende Lichteinwirkung über das Auge.

Man sieht, man riecht und man fühlt ihn, den Frühling. Über die sogenannten „Frühlingsgefühle“ kursieren viele Mythen. Eine Psychologin und ein Hormon-Experte erklären, was Fakten und was Einbildung sind.

Gibt es Frühlingsgefühle wirklich, lassen sie sich hormonell erklären – oder sind sie nur Einbildung? „Das Frühlingsgefühl existiert. Man spürt ein Gefühl der Aufbruchstimmung, ein Gefühl, Ballast abzuwerfen von der kalten dunklen Winterzeit“, sagt Matthias Weber, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. „Die Tage werden wieder länger, die Dunkelheit verschwindet und man bekommt mehr Tatendrang.“

Die höheren Temperaturen sind nicht der Auslöser für bessere Stimmung. Vielmehr wird durch die zunehmende Lichteinwirkung über das Auge in der Zirbeldrüse im Gehirn das Schlafhormon Melatonin reduziert. Dies führt zu hormonellen Veränderungen. „Das Glückshormon Serotonin steigt, aber auch Dopamin und Noradrenalin. Man fühlt sich aktiver und wacher. Dieses neue Auferstehen der Aktivität wird vom Körper als begrüßenswertes Gefühl aufgefasst“, erläutert Weber. Nicht nur das Auge nimmt den Frühlingsbeginn wahr. „Man riecht förmlich, dass der Frühling wieder beginnt, wenn der erdige Geruch des Bodens in den Sonnenstrahlen einem in die Nase steigt.“

Wer in den dunklen Monaten genug Licht tankt, nimmt die Frühjahrssonne weniger intensiv wahr. Aus psychologischer Sicht seien Frühlingsgefühle auf Kontrasteffekte zurückzuführen, sagt Gesundheitspsychologin Julia Scharnhorst. Dass optische Reize für das hormonelle Erwachen sorgen, sieht Scharnhorst skeptisch: „Das hat vielmehr etwas mit unserer Erwartungshaltung zu tun.“ Nach dem Motto: Draußen tut sich was, also muss sich auch in meinem Leben etwas verändern. Weber hingegen erklärt: „Durch hormonelle Einwirkungen wie die Pille, durch Winterreisen und andere künstliche Bedingungen können die natürlichen Reize heute abgeschwächt werden. Aber sicherlich sind sie immer noch vorhanden.“

Tendenz zur Selbstbespiegelung

Ursachen für Frühlingsgefühle sind vor allem unser Zusammenleben und unsere Tendenz zur Selbstbespiegelung in der westlichen Welt, meint Scharnhorst. „Wir neigen dazu, leichte Änderungen recht unspezifisch zu interpretieren. Geht es uns heute gut, sagen wir: Oh, das müssen die Frühlingsgefühle sein. Fühlen wir uns schlecht, ist es die Frühjahrsmüdigkeit.“ Außerdem sei es kein Zufall, dass das Wetter in Unterhaltungen ein beliebtes Thema sei. „Ritualisierte Gespräche über Themen, bei denen jeder mitsprechen kann, haben eine soziale Funktion. Durch sie lässt sich Kontakt und Ähnlichkeit zwischen Menschen herstellen.“

Das Phänomen Frühlingsgefühle gibt es aber auch in Nordamerika. „Dort sind sie als ‚Spring Fever‘ bekannt“, erläutert Weber. „Aber je näher man zum Äquator kommt, desto geringer sind die Unterschiede zwischen Tag und Nacht, Sommer und Winter. Umso weniger sind dort also Frühlingsgefühle feststellbar.“

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