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© Arndt Striegler
Vom Krankenbett aus berichtet Springers Großbritannien-Korrespondent Arndt Striegler von seinem Klinikalltag als Patient.
 
Leben 15. März 2016

Krankenversorgung in London

Drei Stunden auf die Verlegung warten – Tag 1 des Krankentagebuchs.

Arndt Striegler, Korrespondent des Springer Verlags, liegt als Patient im St. Thomas Hospital – und erlebt das britische NHSSystem am eigenen Leib.

Eigentlich sollte hier zu lesen sein, wie der National Health Service (NHS) durch immer neue gesundheitspolitische Verrenkungen und Manipulationen der Regierung Cameron weltweit zum abschreckenden Beispiel einer staatlichen Gesundheitsfürsorge wird. Doch das dreistündige Warten, um vom 1. Stock des Londoner St. Thomas Hospitals in den 2. Stock verlegt zu werden, scheint ein anderes, ebenfalls sehr englisches Problem wichtiger erscheinen – zumindest derzeit. Denn ich bin der auf gepackten grünen NHS-Plastiktüten wartende Patient ... ein Stockwerk höher. Drei Stunden!

Bettenblockade und Bürokratie

Thema ist: Die mangelhafte interne Organisation und Umstandskrämerei innerhalb des St. Thomas Hospital im Zentrum Londons. Wohl bemerkt: Ich bin froh, dass ich hier liege. St. Thomas hat Weltruf. Und die fachmedizinische Expertise ist Weltklasse. Auch und gerade für einen Normalbürger wie mich – ohne riesiges Vermögen.

Ich lese die heutige „Times“ – verkürzt die Wartezeit. Und lese: „Bettenblockade wird den NHS in den kommenden fünf Jahren rund 3,3 Milliarden Pfund kosten“. Ich kalkuliere: 3,3 Milliarden Pfund sind über 5 Milliarden Euro. Eine Milliarde pro Jahr! Weil Patienten wie ich Betten blockieren, die sie nicht länger brauchen, weil ein Stockwerk höher nicht etwa Riesenandrang herrscht. Nein, weil ein Stockwerk höher so viele Formulare ausgefüllt und Boxen getickt werden müssen, dass es oftmals einfach nicht zum Transfer kommt.

Ich denke: Vielleicht ist ja der wahre Grund, warum in England seit 1948 keine Rechnungen mehr für die meisten Arztbesuche und Krankenhausbehandlungen verschickt werden, nicht (nur) die politische Entscheidung, fair und gerecht und alles was gut ist zu sein und ein für alle gleich zugängliches Gesundheitswesen bereitzustellen, finanziert zu 90 Prozent aus allgemeinen Steuermitteln. Vielleicht wussten schon die NHS-Gründungsväter vor fast 70 Jahren um die Inkompetenzen ihrer Landsleute auf bürokratischer Ebene. Gott sei Dank sind meine Kontaktpersonen auch auf meiner neuen Station (mit Blick auf Big Ben) von jetzt an erstmal wieder nur Ärzte und Pfleger – und die sind großartig.ÄZ

Arndt Striegler/ÄZ, Ärzte Woche 11/2016

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