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© Bibliothèque littéraire Jacques Doucet, Paris
Einer der führenden Köpfe des Dadaismus: Portrait von Tristan Tzara, Anonym um 1920
© 2016 ProLitteris, Zürich

Raoul Hausmann um 1920-1921

© 2016 ProLitteris, Zürich

Österreichs Beitrag zum Dadaismus: Raoul Hausmann, Section de merde... allemande, 1921

© 2016 ProLitteris, Zürich

Francis Picabia, Tableau Rastadada, 1920. Collage und Tinte auf Papier

© Archivio Lafuente

Vorderseite des Dadaglobe-Aufforderungsschreibens von Tristan Tzara, Francis Picabia, Georges Ribemont-Dessaignes und Walter Serner an Alfred Vagts, 1920

 
Leben 11. März 2016

Kunst oder Antikunst?

Hommage und Erinnerung an radikalen Nonkonformismus: Vor 100 Jahren wurde in Zürich der Dadaismus als Gegenentwurf zur bürgerlichen Kunst aus der Taufe gehoben.

Als antikünstlerische Bewegung entfaltete der Dadaismus enorme Sprengkraft. Anders als der zeitgleich sich entwickelnde Futurismus besaß diese antibürgerliche Revolte weitreichenden Einfluss auf die bildende Kunst. Das Jahr 2016 steht mit einer vielfältigen Reihe von Veranstaltungen und der Ausstellung Dadaglobe Reconstructed im Kunsthaus Zürich im Zeichen der Geschichte des Dadaismus und seiner internationalen Folgen.

Die Geburtsstunde und der Geburtsort von Dada sind bekannt, über die Entstehung des Begriffs hingegen zirkulieren die unterschiedlichsten Versionen. Manche davon klingen plausibel, andere abwegig. Dass speziell Zürich 1916 zu einem Zentrum des Dadaismus wurde, hing mit der Situation während des Ersten Weltkrieges zusammen. Der bekannte deutsche Dramaturg Hugo Ball war der Einberufung 1914 entgangen, da er untauglich war. 1915 ging er mit seiner späteren Frau Emmy Hennings nach Zürich und gründete im oberen Stock des Hauses Spiegelgasse 1 am 5. Januar 1915 das „Cabaret Voltaire“. Dort sammelte sich ein Grüppchen Intellektueller um Hugo Ball und Tristan Tzara. Mit im Bunde dieser zunächst losen literarisch-künstlerischen Vereinigung waren neben Emmy Hennings auch Richard Hülsenbeck, Hans Arp sowie Marcel Janco. Alle diese Dada-Gründungsmitglieder hielten sich – wie auch Walter Serner, der etwas später zu dieser Gruppe stieß – als Exilanten in der Schweiz auf. Der Erste Weltkrieg hatte sie als „Flüchtlinge“ in das neutrale Land verschlagen.

Antibürgerliche Provokation

Zu Anfang war Dada stark literarisch-inszenatorisch ausgerichtet. In einer Zeitungsnotiz wurde das spätere Dada-Epizentrum, das „Cabaret Voltaire“ als ein Sammelpunkt für eine „Gesellschaft junger Künstler und Literaten, deren Ziel es ist, einen Mittelpunkt für künstlerische Unterhaltung zu schaffen“ bezeichnet. Dort trugen sowohl Hugo Ball als auch Tristan Tzara Gedichte vor. Das Zürcher Publikum reagierte auf Balls Lautgedichte und Tzaras szenische Rezitationen mit Unverständnis und teils offener Ablehnung. Die Laut- oder Tongedichte Hugo Balls sprengten die Grenzen eines normalen Vortrags, Walter Serner wurde bei einem Auftritt sogar von der Bühne gejagt. Dies und die inszenierten Auftritte der dadaistischen Mitstreiter symbolisierten eine Abkehr von gültigen gesellschaftlichen Konventionen.

Tristan Tzara war der „Motor“ dieser Gruppe mit erklärt antikünstlerischer Haltung. Speziell die Abgrenzung zum Futurismus war den Dadaisten wichtig und als Akt anarchisch-individualistischer Selbstbehauptung zu verstehen. Als Massenbewegung taugte Dada jedoch nicht, dazu war das Auftreten seiner Protagonisten und deren Hang zum Absurden und Grotesken zu individuell geprägt. In der Form seines Ausdrucks war Dada erklärtermaßen nonkonformistisch und anti-bürgerlich. Anlässlich einer Soirée des „Club-Dada“ in Berlin wurde am 12. April 1918 von Richard Hülsenbeck das „Dadaistische Manifest“ verlesen, das die programmatischen Ansätze der Gruppe zusammenfasste.

Dada International

Der Dadaismus hatte indes nicht nur in der Schweiz Auswirkungen: In Paris und Berlin wie auch in Köln, Hannover und Genf wurden die dadaistischen Impulse aufgegriffen und durch den Austausch mit anderen Künstlern zu einem internationalen Phänomen. Aber nicht überall konnte sich diese Richtung gleichermaßen entwickeln: Die Rolle, die der Dadaismus in New York für Francis Picabia, Man Ray und Marcel Duchamp spielte, war keine prägende. Sie standen ihm bestenfalls tendenziell nahe. In Berlin folgten Hannah Höch, John Heartfield und der Wiener Raoul Hausmann in ihren collagierten Arbeiten dem dadaistischen Gedanken, in Köln wirkte in einer Vorstufe des Surrealismus „Minimax-Dadamax“ Max Ernst. In Hannover fand Dada in Kurt Schwitters einen wichtigen Protagonisten, der mit der „Ursonate“ einen wertvollen Beitrag dazu leistete, bevor ihn schließlich sein „Merz“-Gesamtkunstwerk völlig vereinnahmte. Marcel Duchamp hingegen fügte sich als Vater des Readymades nie so recht in die Welt von Dada ein. Für ihn war der Dadaismus wie auch der Kubismus bestenfalls eine Zwischenstation: „Dada war eine Verneigung und ein Protest. Ich war daran nicht sonderlich interessiert.(...) Dada lehnte sich gegen tote Formen auf, doch war es vielleicht ein bisschen zu viel Lärm um etwas, das bereits gestorben war,“ so Duchamp in einem Gespräch mit Ulf Linde 1961. Mit dieser Aussage relativierte er seinen Anteil am Dadaismus erheblich. Obwohl sein berühmtes Readymade „Fountain“, jenes mit „R. Mutt“ signierte Urinoir aus dem Jahr 1917, bis heute als Ikone des Dadaismus gilt und dessen antikünstlerische Haltung teilt, ist es nicht unbedingt nur deshalb dadaistisch.

Die Provokation war schließlich keine Erfindung der Dadaisten, das hatten etwa Alfred Jarry, der Schriftsteller Raymond Roussel oder eben auch Marcel Duchamp bereits einige Jahre zuvor vorweg genommen. Die Spanne der Bedeutung des Dadaismus reichte bis in die 1920er Jahre bevor er schließlich in den Surrealismus mündete, in dem manch dadaistischer Gedanke weiter getragen wurde.

Auch der Weg, den die Gründungsmitglieder des Dadaismus einschlugen, führte oftmals zu Beginn der 1920er Jahre – wie im Falle Tristan Tzaras oder auch Max Ernsts – in den Surrealismus. Die schillernde kurze Epoche seines Aufblühens fasziniert wegen ihrer Ablehnung von Ordnung und Reglementierung noch heute. Obwohl der Beitrag Österreichs zum Dadaismus - abgesehen vom Werk des gebürtigen Wieners Raoul Hausmann - höchst marginal ist, wird auch in Wien die Fahne des Dadaismus zumindest ideell hochgehalten: So kann man seit mehr als 20 Jahren im Wiener Kabinetttheater in der Vorweihnachtszeit das dadaistische Krippenspiel Hugo Balls erleben – speziell aber nicht nur für das Jubiläumsjahr des Dadaismus ein wahrhaft passendes Ereignis.

Dadaglobe Reconstructed

Ausstellung Kunsthaus Zürich

5. Februar 2016 – 1. Mai 2016

www.dada100zuerich2016.ch

www.kunsthaus.ch

www.kabinetttheater.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 10/2016

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