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© Wien Museum
Ganz und gar klassizistisch: Johann Hieronymus Löschenkohl (1753 – 1807), VerlagDas Musikalische Kartenspiel, 1806.
© Wien Museum

Marie von Ebner-Eschenbach (Mitte) beim Kartenspiel mit Betty Paoli und Ida von Fleischl, um 1890

© Museum für Volkskunde Wien/Thomas Kahler

Das deutsche Blatt mit Herz, Blatt, Eichel und Schelle: Ein stark patiniertes Spiel aus dem frühen 19. Jahrhundert

© Museum für Volkskunde Wien/Thomas Kahler

Ein schönes Beispiel zweier handkolorierter Spielkarten des Linzer Kartenmachers Fridrich Eurich, Linz 1811

 
Leben 22. Februar 2016

Kartenkunde

Spielkarten üben seit Jahrhunderten eine ungebrochene Faszination auf Jung und Alt aus. Die Vielfalt an Kartenspielen ist – ob bürgerlich oder volksnah – dementsprechend groß.

Man soll sich nicht in die Karten schauen lassen, so heißt es gemeinhin, wenn es um verborgene Absichten geht. Gute Karten zu haben, bedeutet zudem Glück: Ein kurzer Ausflug in die Geschichte der Spielkarten und des Kartenspiels erläutert dafür die Hintergründe.

Der tatsächliche Ursprung der Spielkarten liegt im Dunkel der Geschichte: Spiele mit Motiv-Karten soll es schon gegeben haben, bevor Spielkarten in Europa heimisch wurden. Ob ägyptischen oder indischen Ursprungs, mitunter wird auch China genannt, das lässt sich nicht eindeutig belegen; die ersten nachweisbaren europäischen Spielkarten gibt es jedoch seit dem 14. Jahrhundert. Bekannt wurden sie um 1370 unter dem spanischen Begriff „Naipes“, der mit der alten italienischen Bezeichnung „Naibi“ (Spielkarten) verwandt ist. Später wurden daraus die gebräuchlichen Namen „Trionfi“, wovon sich die spätere Bezeichnung „Trümpfe“ ableitet, sowie „Tarocchino“ oder „Tarochi“.

Vor der Erfindung des Buchdrucks und der Vervielfältigungen von Holzschnitten wurden Spielkarten handgezeichnet und handkoloriert. Solche Kartendecks waren dementsprechend teuer und darum kostbar. Zu den ältesten Kartenspielen zählen das Flämische Jagdkartenspiel, heute im New Yorker Metropolitan Museum mit vier Farben, 52 Blatt und ovalen Karten. Als Farbzeichen wurden Elemente aus der Jagd verwendet. Das Ambraser Hofämterspiel, heute im Kunsthistorischen Museum Wien, zeigt die verschiedenen Ämter bei Hofe. Beide Kartenspiele aus dem 15. Jahrhundert wurden von der Firma Piatnik als Sondereditionen wieder aufgelegt. Beschreibungen aus dieser Zeit erwähnen bereits eine Anzahl von 52 Karten und vier unterschiedliche Farbsymbole. Die Farbsymbole entwickelten sich von Land zu Land nicht einheitlich: In Frankreich sind Herz, Karo, Pik und Treff maßgebend, in Deutschland Herz, Blatt, Eichel und Schellen, in Spanien und Italien stattdessen Münzen, Stäbe, Schwerter und Kelche. Letztere finden sich auch in den Tarotkarten aus dem 18. Jahrhundert wieder, welche bis heute zum Kartenlegen benutzt werden.

Nicht jeder durfte Spielkarten erzeugen. Es gab eigene Kartenmacher-Innungen, die sich mit der Produktion von Spielkarten beschäftigten. Spielkarten kamen etwa aus Nürnberg und Wien, wo bis heute die Firma Piatnik seit dem frühen 19. Jahrhundert zu jenen Herstellern zählt, die eine Vielzahl an prächtigen Kartendecks auf den Markt gebracht haben. Die bildlichen Darstellungen auf den Karten sind dabei immer auch ein Spiegel ihrer Zeit, die Kartenrückseite zumeist prächtig graphisch mit Ornamenten gestaltet.

Glück und Karten

Die Existenz von Spielkarten ist interessanterweise in der Frühzeit immer wieder durch Spielverbote belegt. Da mag daran liegen, dass das Kartenspiel schon immer zum Glücksspiel animiert hat. Gespielt wurde oftmals mit hohen Einsätzen. Um zu betrügen, gab es für gerissene Spieler reichlich Möglichkeit; daran hat sich über Jahrhunderte nichts geändert. Die Bezeichnung des Kartenspiels als „Gebetbuch des Teufels“ kommt also nicht von ungefähr.

Wie fatal ein Kartenspiel enden konnte, davon berichtet der französische Schriftsteller Jean Giono in einer Geschichte aus der Haute Provence: Das Gasthaus „La Commanderie“ auf der Hochebene von Albion gelegen, war noch um 1914 für sein gutes und reichliches Essen und für ein Kartenspiel berühmt, bei dem es buchstäblich immer um alles ging. Jeder konnte mit einem kleinen Einsatz das Spiel mit dem Namen „Halt!“ eröffnen; fand sich ein Mitspieler, so wurden oft Haus und Hof gesetzt. Entscheidend war der letzte Stich: War es ein Kreuz-Ass, wurde das ganze Spiel annulliert; war das nicht der Fall, ersetzte die letzte Karte jene, mit welcher der letzte Stich gewonnen wurde. Manch wohlhabender Bauer oder Pferdehändler wurde im Zuge eines Spiels – bei dem oftmals sogar Frau und Kinder eingesetzt wurden – fast zum Bettler, konnte aber, wenn ihm noch irgendetwas blieb, auch das wieder als Spieleinsatz anbieten: Die eigene Pfeife gegen den Hof des anderen zu setzen, war möglich. Auch das Wiener Stoß-Spiel, das nach hohen Einsätzen verlangte und zu den verbotenen Kartenspielen zählt, hat so manchen Spieler ruiniert.

Die Geschichte des Kartenspiels als Glücks- und Gesellschaftsspiel durchzieht alle Schichten. Wer eher auf taktische Finessen aus war, spielte in gepflegter Runde Tarock, in Amerika wurde schon im frühen 19. Jahrhundert gepokert. Ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Bridge oder Rommé, Mitte des 20. Jahrhunderts auch Canasta zu beliebten bürgerlichen Gesellschaftsspielen. Das Schnapsen hingegen, verwandt mit dem bayerischen Schafkopf, dem Schweizer Jass sowie dem norddeutschen Skat, fand immer in geselligen Wirtshausrunden statt.

Skurriles aus der Tarockei

Tarock ist hierzulande leider nicht mehr sehr weit verbreitet, hat es mit seinen drei Haupt-Trümpfen Sküs, Mond und Pagat aber auch zu literarischer Berühmtheit gebracht. Fritz von Herzmanovsky-Orlando hat dem Tarock eine seiner eigentümlich skurrilen Geschichten gewidmet: In der Tarockei, einem sagenumwobenen Königreich nächst der Steiermark macht der Held der Erzählung, Cyriakus von Pizzicolli, Bekanntschaft mit einer Sonderform eines monarchischen Triumvirats. Alljährlich werden dort die drei Regenten nach ihrer physiognomischen Ähnlichkeit mit den Kartenbildern der drei Trumpfkarten des Normaltarock bestimmt und bilden das Kabinett, die sogenannte „Trull“. Daraus ergeben sich unglaubliche Verwicklungen, die Pizzicolli nahezu um den Verstand bringen.

Kurzes Fazit nach diesem literarischen Exkurs: Es gibt kaum variantenreichere Gesellschaftsspiele als eben Kartenspiele, nicht nur, um sich damit unterhaltsam die Zeit zu vertreiben, sondern auch, um taktisch klug zu handeln und auch ab und an zu bluffen.

Thomas Kahler, Ärzte Woche 8/2016

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