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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 15. Februar 2016

Schluss mit der Wochenendruhe

Nach den Engpässen bei der Versorgung von Kindern, denkt man an verpflichtende Wochenenddienste für Niedergelassene.

Voriges Wochenende mussten Patienten in Wien stundenlang warten, bevor sie in überfüllten Ambulanzen dran kamen; viel zu wenige Ärzte hatten sich um viel zu viele Fälle zu kümmern. Also wie immer. Diesmal kam jedoch zur alljährlichen Grippewelle etwas anderes hinzu, nämlich die alljährliche Empörungswelle. Weniger über die Grippe selbst, der die Empörung ziemlich am Arsch vorbeigehen würde, so die Grippe überhaupt über einen Arsch verfügt, sondern über die untragbaren Zustände bei der medizinischen Versorgung. Da vor allem Eltern mit ihren hustenden Kindern in die Ambulanzen pilgerten, war die Empörung noch einmal so groß, denn es gibt wohl kaum eine Personengruppe, die sich mehr empören kann, als empörte Eltern. Immerhin geht es um das Wohl unserer Kinder und wenn auch anzunehmen ist, dass es in vielen Fällen ein wenig Hühner-Suppe und Ruhe auch getan hätte, um den Infekt zu überstehen, ist es verständlich, wenn man Suppe und Ruhe von Expertenseite verschreiben lassen möchte. Man zahlt schließlich nicht Krankenkassenbeiträge, um selbst Hühner-Suppe kochen zu müssen. So weit, so alt.

Neu ist hingegen, dass nun eine der heiligen Kühe der niedergelassenen medizinischen Versorgung geschlachtet werden soll, nämlich die freie Arztwahl. Und damit ist die freie Wahl der Ärzte auf die Öffnungszeiten gemeint. Mit der verpflichtenden Öffnung an Wochenenden könnte eine neue, unrühmliche Ära beginnen. Wozu hat man sich bitte jahrelang abgerackert und seine Patienten dazu erzogen, dass zwischen Freitagmittag und Montagfrüh nicht krank zu werden ist, wenn man nun erst recht am Wochenende nicht ausschlafen darf, wie zu blutigen Ausbildungszeiten?

Vorerst soll die neu angedachte Regelung die Kinderärzte betreffen, denn wenn ein Kind freiwillig am Wochenende krank wird, ist es sicher dringend. Allerdings ist abzusehen, dass sich auch erwachsene Patienten zu den neuen attraktiven Öffnungszeiten bei den Pädiatern einfinden werden. Ob der Kinderarzt nun eine Kinder- oder eine Erwachsenenlunge abhört, macht schließlich nicht so viel Unterschied. Und bei Nachfragen kann man ja behaupten, schon früh in die Pubertät gekommen zu sein.

Es ist auch abzusehen, dass die Vertreter anderer Disziplinen nicht davor gefeit sind, verpflichtend am Wochenende aufsperren zu müssen. Denn auch Erwachsene befällt die Grippe nicht immer zu den Büroöffnungszeiten. Und wohin soll man gehen, wenn der Pilz zwischen den Zehen Samstagfrüh wieder mal juckt, wenn man für den Ball neben einer Frisur auch noch ein Botox in die Lippen spritzen lassen möchte oder Sonntagabend den Entschluss fasst, seine Hammerzehe endlich einmal fachärztlich begutachten zu lassen.

Ärzte sind letztlich eben Dienstleister und in der Gastronomie müssen schließlich auch niedergelassene Kellner am Wochenende arbeiten. Irgendwer muss ja die Hühner-Suppe bringen.

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