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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 10. Februar 2016

Wer googelt, der findet

Die Top 50 Krankheitssuchbegriffe spiegeln die Ängste der Patienten wider.

Wirft man einen Blick in die einschlägigen Boulevardmedien, so hat man den Eindruck, die größten gesundheitlichen Risiken wären Ebola-Gurken, Vögel mit Grippe, Sprengstoffgürtel von Islamisten und die Abgase garantiert abgasfreier Fahrzeuge aus der VW-Audi-Gruppe. Die meisten Österreicher versterben bekanntermaßen jedoch weder an Gurken noch an Bomben, sondern an Herz-Kreislauferkrankungen. Das taugt jedoch nur bedingt zu einer Schlagzeile, selbst die Headline „Brutaler Plaque verstopft Herzkranzgefäß. Opfer in Lebensgefahr!“ kann man höchstens drucken, wenn das Herzkranzgefäß einem prominenten Mitbürger gehört.

Was unsere Patienten nun tatsächlich emotional bewegt, lässt sich am besten aus den Ergebnissen der Analysen von Google eruieren. Der Datenriese notiert sich akribisch, was die Menschen in die Suchmaske eintippen. Doch dafür, dass die Suchmaschine, eigenen Angaben zufolge, die Privatsphäre seiner User mit allen Mitteln zu schützen trachtet, gibt sich Google doch überraschend mitteilsam, wenn es darum geht, die Interessensgebiete der Kunden an befreundete Unternehmen weiterzugeben oder sonst irgendwie auszuposaunen.

So wurden in Deutschland unlängst die Top 50 Krankheitssuchbegriffe publik gemacht. Damit hat Dr. Google seine Schweigepflicht jedoch nicht gebrochen, da es nur um Statistiken und nicht um Einzelpersonen geht. Solche sensiblen Daten dürfen natürlich nicht alle wissen. Nur diejenigen, die dafür zahlen. Bemerkenswerterweise deckt sich die Suchstatistik nicht mit der Krankheitsstatistik. Hier dürfte es andere Faktoren geben, die die Attraktivität einer Erkrankung mehr beeinflussen als die Häufigkeit. Denn die erste Herz-Kreislauferkrankung, der „Blutdruck“, rangiert auf Rang 10. Nicht einmal, wenn man die „koronare Herzkrankheit“ (Rang 21) dazuzählt, kommt man nur annähernd zum Top-Suchbegriff: „Schilddrüsenvergrößerung“ (Struma).

Natürlich googelt man rasch mal, was man beim morgendlichen Blick in den Spiegel zu sehen bekommt. Und auch wenn diese Vergrößerung am Hals meistens ein Doppelkinn ist, googelt man eine mögliche Schilddrüsenerkrankung. Dass „Hämorrhoiden“ sich auf Rang 3 befinden, könnte Aufschluss darüber geben, wem der zweite morgendliche Blick in den Spiegel gilt. Die gesuchte Diagnose „ADHS“ (Rang 7) ist wahrscheinlich dem morgendlichen Blick auf den Nachwuchs zuzuordnen, der Begriff „HIV“ (Rang 17) auf den morgendlichen Blick auf eine weitere Person im Bett, an deren Namen man sich nicht mehr erinnern kann. Andererseits ist der „Schnupfen“ mit Platz 28 bemerkenswert weit hinten angesiedelt. Und selbst „Erektionsstörungen“ rangieren erst an 44. Stelle unter „ferner liefen“ oder besser gesagt „ferner standen“.

Nicht immer bilden die Googl-Suchbegriffe die Wirklichkeit ab. Sonst wäre „Kim Kardashian“ die wichtigste Amerikanerin und „Andreas Gabalier“ der beliebteste Österreicher. Und das wäre dann doch etwas zu weit hergeholt.

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