zur Navigation zum Inhalt
© francescopaoli / fotolia.com
Durch bauliche Maßnahmen an der Golden Gate Bridge gelang es, über 500 Menschen vom Sprung in den Pazifik abzuhalten. Nur etwa fünf Prozent dieser Menschen haben sich infolge auf andere Weise das Leben genommen.
 
Leben 10. Februar 2016

Absprung verbaut

Suizidwillige lassen sich durch Umbauten an sogenannten Hotspots abschrecken. Auch würde ein achtsamerer Umgang mit Suizid im Internet und in den Medien helfen.

Bestimmte Brücken, Hochhäuser oder Bahnstrecken ziehen Suizidwillige an. Werden diese Hotspots entschärft, rettet das tatsächlich Leben. Manchen Verantwortlichen ist jedoch der Denkmalschutz leider wichtiger.

Wenn Psychiater für eine bessere Suizidprävention kämpfen, treffen sie nicht selten auf erheblichen Widerstand. „Will sich jemand umbringen, kann man ihn nicht davon abhalten“ oder „Wer gehen will, soll gehen“ sind einige der Formulierungen, die sich Prof. Dr. Armin Schmidtke, Vorsitzender des nationalen Suizidpräventionsprogramms, gelegentlich auch von Politikern anhören muss. Offenbar habe sich noch nicht überall herumgesprochen, dass eine erfolgreiche Suizidprävention möglich ist, so der Psychiater von der Universität Würzburg. Auf dem DGPPN-Kongress in Berlin skizzierte er die wichtigsten Maßnahmen und Herausforderungen.

Entschärfung von Hotspots

Bestimmte Bauwerke ziehen Suizidwillige magisch an. Dazu zählen Brücken, Hochhäuser und Türme oder Bahnstrecken. Wird über die Suizide in den Medien berichtet, lenkt dies zusätzliche Aufmerksamkeit auf den Ort des Geschehens. Schmidtke sieht hier zwei wirksame Ansätze: Zum einen ist eine Zurückhaltung der Medien bei der Berichterstattung hilfreich, zum anderen können bauliche Veränderungen entweder den Zugang zu den Hotspots verhindern oder einen Suizid erschweren.

Der Psychiater nannte etwa die Münsterplattform in der Schweizer Hauptstadt Bern: An der leicht zugänglichen, etwa 30 Meter über die Altstadt ragenden Terrasse wurden Netze angebracht, primär um die darunter lebenden Bewohner vor den Herabstürzenden zu schützen. Diese Maßnahme verhinderte nicht nur weitere Suizide an dem Bauwerk, insgesamt sank dadurch die Suizidrate in Bern in den folgenden Jahren, bis sich die Kornhausbrücke als neuer Hotspot etablierte.

„Will jemand von einer bestimmten Brücke springen, und die ist gesperrt, dann geht er nicht zu einer anderen Brücke, sondern nach Hause“, erläuterte Schmidtke. Der Impuls, sich zu töten, ist möglicherweise vorüber, bevor er sich ein anderes Ziel gesucht hat.

Weniger Menschen springen von der Golden Gate Bridge

Ähnliche Erfahrungen machten auch die Behörden in San Francisco. Dort gelang es durch eine Reihe von Maßnahmen, über 500 Menschen an der Golden Gate Bridge vom Sprung in den Pazifik abzuhalten. Von diesen haben sich später nur etwa fünf Prozent auf andere Weise das Leben genommen.

Auch Bahnstrecken wie der Hotspot im badischen Emmendingen lassen sich entschärfen. Hier rasen Züge mit hoher Geschwindigkeit auf der stark befahrenen Rheintalstrecke nur wenige hundert Meter an einer psychiatrischen Klinik vorbei. Eine Absperrung sorgt seit einigen Jahren für deutlich weniger Suizide. „Mehr als 80 Prozent der Bahn-Hotspots liegen in der Nähe psychiatrischer Kliniken, 70 Prozent der Suizide an den Hotspots werden von Menschen aus solchen Kliniken begangen“, sagte Schmidtke.

In der Regel genüge ein zwei Kilometer langer Zaun in beiden Richtungen des Hotspots, weiter würden die Suizidwilligen meist nicht gehen. An beliebten Suizidbrücken können Netze abschrecken. Eine solche Konstruktion ist nun auch für die Golden Gate Bridge in San Francisco vorgesehen.

Auf wenig Verständnis stießen Psychiater hingegen bei der Müngstener Brücke in der Nähe von Solingen, mit 107 Metern Deutschlands höchste Eisenbahnbrücke. Im Schnitt alle fünf Wochen stürzt sich hier jemand zu Tode. Die fast 120 Jahre alte Stahlbogenkonstruktion steht jedoch unter Denkmalschutz. Aus diesen Gründen verweigern die Verantwortlichen bauliche Maßnahmen zur Sicherung der Brücke.

Bei Suizidversuchen mit Medikamenten wurde bis vor wenigen Jahren noch am häufigsten Paracetamol verwendet; gefolgt von Benzodiazepinen und trizyklischen Antidepressiva. In Großbritannien ist die Suizidrate nach Einführung kleinerer Packungsgrößen deutlich gesunken, die Zahl der Lebertransplantationen ging zugleich um 61 Prozent zurück; hierfür waren Paracetamol-Intoxikationen der Hauptgrund. Schmidtke kritisierte, dass in Deutschland noch lange Zeit nach der Beschränkung der Packungsgröße Altbestände von Großpackungen verkauft werden durften.

Suizidinfos aus dem Internet

Wer sich über Suizidmethoden informieren will, findet im Internet genügend Material. Es gibt Seiten und Foren, die genau beschreiben, wie zuverlässig die einzelnen Methoden funktionieren, wie schmerzhaft sie sind und welche Schäden bei einem gescheiterten Versuch drohen. Solche Seiten müssten von den Betreibern gelöscht werden, forderte Schmidtke. Offenbar verabreden sich immer wieder auch junge Menschen in Foren zum gemeinschaftlichen Suizid.

Der Psychiater nannte als Beispiel drei junge Frauen, die sich vor vier Jahren in einem Waldstück bei Cloppenburg mit Kohlenmonoxid vergiftet hatten. Die drei stammten aus unterschiedlichen Bundesländern und hatten sich offenbar per Internet kennengelernt. In den zwei Wochen nach dem Tod des Torwarts Robert Enke vervierfachte sich die Zahl der täglichen Suizide unter Männern, bei Frauen blieb sie hingegen konstant. Dabei waren zwei Wellen zu beobachten: Die eine erfolgte nach dem Bekanntwerden der Tat, die andere nach Enkes Beerdigung, als die Medien erneut darüber berichteten.

Offenbar führt eine große mediale Aufmerksamkeit beim Suizid prominenter Persönlichkeiten zu einem ausgeprägten Werther-Effekt. Bei Prominenten lässt sich die Berichterstattung nicht vermeiden, aber würden Medien generell weniger ausführlich und mit möglichst wenigen Details zu Tötungsmethoden berichten, wäre das bereits von Vorteil, sagte Schmidtke.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben