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© Steiermärkisches Landesarchiv

Joseph Kuwasseg, „Ansicht des bey der außerordentlichen Waßerhöhe am 8ten Juny Statt gefundenen Einsturzes des linken Brückenkopfes der neuen Murbrücke, mit dem darauf befindlichen Kruzifix und der St: Johannes Nep. Statue“, 1827

© Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Auf vielfältige Art und Weise hat die Mur das Leben derer, die mit ihr und von ihr leben, geprägt.

© Brauereimuseum Murau

Überdachte Plätten waren lange Zeit das Haupttransportmittel auf der steirischen Wasserstraße, im Hintergrund die I. Obermurtaler Brauerei-Genossenschaft in Murau, um 1880/Universalmuseum Joanneum/N. Lackne

© Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Eine riskante Unternehmng auf der Mur: Flößer bei ihrer schweren und gefährlichen Arbeit.

 
Leben 1. Februar 2016

Ein Fluss und seine Geschichte

Die Mur hat viele Gesichter und sie gilt als DIE steirische Wasserstraße. Nicht immer ist ihr gut mitgespielt worden. Die Ausstellung „Die Mur – Eine Kulturgeschichte“ im Grazer Museum im Palais ist ihr nun gewidmet.

Lange Zeit hatte sie einen schlechten Ruf, wurde eher missachtet als geschätzt. Nun gilt es, die Mur neu zu entdecken. Eine Ausstellungsreise in sechs kulturgeschichtlichen Kapiteln von ihrer Quelle bis zur Mündung bietet dabei wertvolle Unterstützung.

Jeder Fluss hat seinen eigenen Charakter, prägt das Land und die Menschen, die an seinem Ufer mit und von ihm leben. Die Mur macht da keine Ausnahme: Ihre Quelle liegt auf 1898 Metern Seehöhe im heutigen Nationalpark Hohe Tauern. Zunächst hat sie noch den Charakter eines Gebirgsbaches und ist zwischen Tamsweg und Murau sogar als Wildwasser mit dem Kajak befahrbar. Vom Salzburger Lungau aus durcheilt sie die Steiermark und bildet im Süden des Bundeslandes die Grenze zu Slowenien bis sie schließlich – nach etwa 450 Kilometern – an der kroatisch-slowenischen Grenze in die Drau mündet.

Die Kraft des Wassers

Die Mur ist trotz der 31 Wasserkraftwerke, die zu einer starken Regulierung geführt haben, meist ländlich geprägt. Schon früh wurden ihre schiffbaren Partien als Transportwege genutzt. Mit Flößen und später Plätten, die auch bei geringerem Wasserstand eingesetzt werden konnten, ließen sich Waren murabwärts transportieren. Das war nicht immer ganz ohne Risiko: Die Holzdrift etwa zählte zu den durchaus riskanten Unternehmungen. Transporte muraufwärts waren nur mit Zugpferden möglich und zudem zeitraubend. Davon zeugen die heute noch bestehenden Treppelwege an den Murufern. Bis 500 Kilogramm Zuladung – meist Bauholz oder Salz – konnte ein Floß bewältigen. Die etwa 500 Plätten, welche die Mur noch jährlich im 19. Jahrhundert befuhren, konnten sogar bis zu 1,5 Tonnen Material befördern.

Aber auch Überfuhren, Schiffsmühlen, Fischerei und Holzdrift prägten das Leben am Fluss. Als Transportweg war die Mur demnach ein wirtschaftlich wichtiger Faktor, für die Fischer bot sie durch ihren Fischreichtum einen wichtigen Lebensunterhalt. Wobei das Leben an und mit der Mur auch immer von den besonderen Umständen abhing: Bei Überschwemmungen waren die Transporte auf dem Wasser entweder gänzlich unmöglich oder eine hochriskante Angelegenheit. Städte und Ansiedlungen hatten darunter ebenso zu leiden. Gab es starken Frost drohte zudem der „Eisgang“: Dabei wurden die gebrochenen Schollen durch die Strömung so stark übereinander geschoben, dass das Eis zu einer enormen Bedrohung ufernaher Gebäude und Brücken wurde.

Die Mur und die Industrie

Der gefürchteten Überschwemmungen wurde man teils durch Flussregulierungen dauerhaft Herr, zudem konnte man für die im 19. Jahrhundert einsetzende Industrialisierung die Wasserkraft zur Energiegewinnung nutzen. So konnte der dauerhafte Betrieb industrieller Anlagen entlang der Murufer gewährleistet werden. Rohstoffe wie Holz und Eisen waren mehr als genug vorhanden. In Donawitz, wo bereits seit 1436 Hammerwerke bestanden, kam es zu einer sukzessiven Erweiterung der Stahlerzeugung. Um 1912 war dort das größte Stahlwerk Europas entstanden. Die Mur lieferte Wasser für die Produktion und entsorgte, was nicht mehr gebraucht wurde.

Doch die Mur als Lebensader wurde auch durch die Papierindus-trie in Frohnleiten, Gratkorn und Bruck schwer in Mitleidenschaft gezogen. Das Murwasser war schließlich durch Industrieabwässer so schwer belastet, dass die Mur seit den 1960er Jahren als der am stärksten durch Industrieabwässer verschmutzte Fluss Österreichs galt, ein Schicksal, das sie auch lange Jahre mit der Salzach teilte. Vorbei war also damit die Zeit, als die Mur als sauberer Alpenfluss noch jener allegorischen, jungmädchenhaften Darstellung am Danubiusbrunnen an der Stirnseite der Albrechtsrampe der Albertina in Wien glich.

Geteilt statt verbunden

Wie sehr die Mur gelitten hatte, zeigte sich lange am Beispiel der steirischen Landeshauptstadt Graz. Auch dort wurde das Fluss-Wasser etwa in den Mühlgängen für Großmühlen und Kleinkraftwerke genutzt; Wäscherinnen wuschen ihre Wäsche im Murwasser. Ihr schwarzes schaumiges Wasser war eine giftige Brühe, von der es hieß, dass schon geringe Mengen davon, getrunken, zum Tode führten. Die regulierte Mur hat in ihrem tiefliegenden Bett Graz lange eher geteilt als verbunden.

Die Mur machte Angst, war ein Tabu, teilte Graz als Stadt in die Bürgerstadt und die Arbeiterbezirke Gries, Lend und Puntigam am anderen Ufer. Durch Brücken zwar miteinander verbunden, war man einander dennoch im Grunde oft wesensfremd. Mit der Ernennung zur europäischen Kulturhauptstadt 2003 kam schließlich der späte Umschwung: Die Mur wurde wieder zu einem Teil der Stadt. Am anderen, dem nicht bürgerlichen Ufer, entstand zudem Neues; das Kunsthaus Graz mit seiner außergewöhnlichen Gestaltung fand hier – zusammen mit der Murinsel – seinen nahezu idealen Platz. Lend und Gries gehören nun zu den kulturell aufstrebenden Vierteln, die mit einer neuen Vielfalt auch den Charakter der übrigen Stadt mitprägen.

Der Fluss und seine unmittelbare Umgebung, die Ufer und Auen werden zudem außerhalb der Landeshauptstadt wieder als Lebens- und Erholungsraum wahrgenommen. Äschen, Huchen und Forellen sind in einigen Abschnitten der Mur wieder heimisch, wobei neue Wasserkraftprojekte die Artenvielfalt immer wieder gefährden. Es scheint, als sei der Kampf um die Mur und ihre kulturelle Bedeutung doch noch nicht zu Ende.

Wie sehr sich der Charakter des Flusses nicht nur zu verschiedenen Zeiten, sondern auch während seines Verlaufs immer wieder verändert hat, wird in den sechs unterschiedlichen thematischen Stationen dieser Ausstellung deutlich. Eine Klanginstallation spürt dazu dem Geräusch des Wassers nach – vom rauschenden Gebirgsbach bis dorthin, wo die Mur als „Mura“ in die Drau mündet.

Ausstellungsdauer: bis 17. Juli 2016

www.museum-joanneum.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 5/2016

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