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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 18. Jänner 2016

Abkehr von der Willkommenskultur

Von der Flüchtlingspolitik lernen: Wie man die Zahl ungebetener Patienten in den Ambulanzen senken kann.

Die Politik ist ein guter Lehrmeister. Nachdem die Innenministerin vor Kurzem noch davon sprach, dass die Polizei „Unmenschliches“ tut, um zu helfen, führte sie nun, nach deutschem Vorbild, die „Absage an die Willkommenskultur“ ins Rennen. Man müsse versuchen, Österreich für die Flüchtlinge nun „unattraktiv“ zu machen.

Wie genau man das Land seiner Attraktivität beraubt, ist jedoch nicht ganz klar. Natürlich könnte man die Berge etwas abtragen, die Wälder roden, den Stephansdom schleifen, die Lipizzaner durch Shetlandponys ersetzen und die Philharmoniker mit einer formschönen Lärmschutzwand vom Publikum trennen. Ich glaube aber nicht, dass diese Maßnahmen die Flüchtlinge davon abhalten werden, den eigenen Kriegsschauplatz dem unattraktiveren Tourismusland Österreich vorzuziehen. Die Grundidee dahinter ist jedoch klug und lässt sich auch für unsere Zwecke einsetzen.

Haben wir nicht kürzlich erst die untragbaren Zustände in den Ambulanzen beklagt? Das Frau Hinz und Herr Kunz ungefragt in die Spitäler des Landes pilgern, ohne zuvor einen Facharzt für „Überweisiologie“ konsultiert zu haben? Das liegt natürlich auch an der allzu großen Attraktivität der Ambulanzen: Fast rund um die Uhr besetzt, mit neuen, teuren Geräten ausgestattet und zur Not auch mit kompetenten Ärzten im Hintergrund – darauf möchte man als Patient natürlich nicht verzichten. Da hilft es auch nicht, den freien Zugang zu beschränken, denn es findet sich immer das eine oder andere Hintertürchen, zur Not gibt man eben einen Not-Fall an.

Danken wir also der Politik für die nette Idee und senken wir die Attraktivität der Ambulanzen. Kleinere Maßnahmen lassen sich sofort umsetzten, etwa das Entfernen der Sitzgelegenheiten im Wartebereich. Auch andere Annehmlichkeiten wie Kaffeeautomaten, Zeitschriften und eine Ansprechperson kann man ohne großen Aufwand streichen. Das Weglassen von Freundlichkeiten kann in Kursen trainiert werden, ist jedoch in vielen Fällen gar nicht nötig, da es hier eine große Zahl von Naturtalenten gibt.

Kostspielige und teuer aussehende Geräte müssen aus dem Sichtbereich geschaffen, alte rostige Instrumente vom medizinhistorischen Museum geliehen und in den Ambulanzräumlichkeiten ausgestellt werden. Das senkt das Vertrauen nachhaltig. Große Warntafeln mit Fotografien ekeliger Mikroben, die man sich bei der Untersuchung möglicherweise einfangen könnte, helfen genauso wie die neue Dienstkleidung im Design von Quarantäne-Schutzanzügen. Vor der Eingangstür kann ein geschickt geparkter Wagen der Bestattung die Attraktivität für die Kundschaft ähnlich effektiv senken, wie die regelmäßige Durchsage „Bitte dringend ein Anatomie-Lehrbuch in Ambulanz 2!“ – Wär’ doch gelacht, wenn wir es nicht zustande bringen, was die Politik so lange verabsäumt hat: Diese unsägliche Willkommenskultur abzuschaffen und endlich Unmenschliches zu tun.

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