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© 2001 Ólafur Elíasson / Foto: Anders Sune Berg
Barockes Vexierspiel: Ólafur Elíasson, Kaleidoscope, 2001The Juan & Patricia Vergez Collection, Buenos Aires.
© 2011 Ólafur Elíasson/Foto: Anders Sune Berg

Ein Raum mit vielen Facetten: Ólafur Elíasson, Seu planeta compartilhado (Your shared planet), 2011 Thyssen-Bornemisza Art Contemporary Collection, Wien.

© 2009 Ólafur Elíasson /Foto: Anders Sune Berg

Das Runde im Eckigen: Ólafur Elíasson, New Berlin Sphere, 2009.Thyssen-Bornemisza Art Contemporary Collection, Wien.

© 2015 Ólafur Elíasson /Foto: Anders Sune Berg

Täuschung ist möglich: Ausstellungsansicht Baroque Baroque, Winterpalais des Prinzen Eugen von Savoyen, Wien, 2015.

 
Leben 18. Jänner 2016

Das Spiel mit der Wahrnehmung

Mitunter trügt der schöne Schein. Die raumgreifenden Installationen des dänisch-isländischen Künstlers Ólafur Elíasson setzen im barocken Ambiente des noblen Winterpalais des Prinzen Eugen in Wien neue Akzente und führen so zu überraschenden Eindrücken.

Das Winterpalais des Prinzen Eugen von Savoyen als Ort zeitgenössischer Kunst: Die Ausstellung „Baroque Baroque“, die mit Unterstützung von Francesca Habsburgs TBA21 und der Sammlung Juan & Patricia Vergez in Kooperation mit dem Belvedere zustande kam, zeigt Installationen von Ólafur Elíasson. Durch sie erstrahlt barocke Prunkarchitektur in neuem Licht.

Seit seiner Wiedereröffnung vor gut zwei Jahren dient das Stadtpalais des Prinzen Eugen von Savoyen, dem bedeutendsten Feldherrn und kunstsinnigen Mäzen des Barock, als Ausstellungsort mit besonderer Ausstrahlung. Geprägt von höfischer Prachtentfaltung und barockem Lebensgefühl ist dies darum auch ein nahezu idealer Ort für einen Künstler wie Ólafur Elíasson: Die prunkvolle Barockarchitektur des Palais mit seinen prachtvollen Prunkräumen und Salons verleiht dem Spiel von Projektionen und Spiegelungen einen mehr als würdigen Rahmen. Das Interesse Elíassons an den barocken Raumfluchten kommt nicht von ungefähr: Das Zeitalter des Barock und der Beginn der Aufklärung bedeuteten für die Naturwissenschaften einen markanten Impuls und Aufschwung. Elíassons facettenreiche Rauminstallationen, die experimentellen Versuchsanordnungen gleichen, knüpfen daran an. Das Artifizielle spielt dabei als besonderes Moment eine bestimmende Rolle. Manches daran ist dabei äußerst überraschend und bewusst manipulativ, denn es zwingt zu einer anderen als der gewohnten Wahrnehmung. Elíasson geht es jedoch in erster Linie nicht darum, den Betrachter in die Irre zu führen, obwohl dies durch die effektvolle Illusion nicht immer auszuschließen ist. Seine Installationen erfüllen in ihrer Komplexität einen weit tieferen Anspruch als nur zu amüsieren.

Fasziniert von Geometrie

Immer wieder sind es auch sphärische Körper, denen sein Interesse gilt: „Ich bin fasziniert von Geome-trie und teilweise von Dingen, die kreisförmig oder rund sind. Sie haben diese kraftvolle, fast kosmische Dimension. Die meisten meiner frühen Kugeln sind tatsächlich komplexe Polyeder. Um diese Formen zu entwickeln, habe ich viele Jahre lang mit dem isländischen Geometer und Architekten Einar Throsteinn zusammengearbeitet“, so Elíasson in einem Interview mit designboom.

Die Objekte werden nun Teil der barocken Raumfluchten: Sie definieren durch Lichtbrechungen und Spiegelungen den Raumeindruck neu. Solche Vexierspiele sind – manchmal einem Kaleidoskop nicht unähnlich – eine Spezialität des Barock und üben einen ungewohnten Eindruck auf den Betrachter aus.

Portal und Stiegenhaus stimmen zunächst auf die barocke Prachtentfaltung ein. Schließlich wurde hier am Ort des ersten Zusammentreffens von Hausherr und Besucher deren Verhältnis zueinander klar und entschieden definiert. Das Figurenprogramm der von Fischer von Erlach prachtvoll gestalteten Prunktreppe spiegelt programmatisch Durchsetzungsvermögen und nahezu unbezwingbare Stärke wider, um Besucher und Gäste zutiefst zu beeindrucken. Monofrequenzleuchten tauchen nun Portal und Stiegenhaus des Winterpalais in leuchtendes Gelb. Diese Lichtintervention verändert den Raumeindruck, der barocke Aufgang wird – anders als ursprünglich geplant – zum „Yellow Korridor“. Das grell-gelbe Licht lässt all dies nun in den Hintergrund treten, das Weiß der Wände und Skulpturen nimmt die Lichtfarbe auf, die Vergoldung erscheint in hartem metallischen Glanz. Durch die lichttechnischen Hilfsmittel tritt ein erheblicher Verfremdungseffekt ein. Licht hilft dabei, Räume zu definieren, andererseits kann es auch dazu dienen, einen Raum zu dekonstruieren. Großformatige Spiegelflächen führen des Weiteren zu stark veränderten Raumeindrücken, die Salons des Winterpalais wirken dadurch noch großzügiger: Facettenreiche Reflexionen und Verfremdungen ergeben brillante Effekte. Gleichzeitig verbirgt die Spiegelfläche einen wesentlichen Teil des Raums.

Intervention im Raum

Für den in seiner Kindheit und Jugend von Dänemark und auch Island geprägten Künstler ist Naturlandschaft gleich wichtig wie Stadtlandschaft: Die Transformation räumlicher Strukturen durch die Wirkung seiner künstlerischen Interventionen führt zu einem anderen als dem gewohnten Zusammenhang. Das schafft Distanz, aber auch das künstlerisch nötige Spannungsverhältnis. Das zunächst Ungewohnte wirkt als Irritation und schärft dadurch die Sinne und die Wahrnehmung.

Seit 20 Jahren betreibt er das Studio Ólafur Elíasson in Berlin als „Laborsituation“, um seine Installationen, die oftmals mit physikalischen Effekten spielen, vorzubereiten. Als Professor an der Berliner Kunstakademie Berlin University of the Arts hat er zudem 2009 das Institut für Raumexperimente gegründet. Licht spielt in den Arbeiten Ólafur Elíassons eine wichtige Rolle; oft verwendet er speziell Kunstlicht, um dessen Qualität und Wirkung im Raum zu erkunden. Dan Flavin kommt einem da in den Sinn, auch wenn der sakrale Aspekt manch seiner Arbeiten bei Elíasson fehlt. Auch James Turell, der Naturlicht und dessen besondere Qualität künstlerisch erforscht, kann als Referenz dienen. Dass Joseph Mallord William Turner Elíasson künstlerisch nahesteht, da er subtile Lichtatmosphäre wie kein zweiter auf Leinwand zu bannen vermochte, steht ebenso außer Zweifel. „Turner hatte eine einzigartige Fähigkeit Licht zu formen“, so Elíasson in einem Interview mit Time out. Dies lässt kaum Zweifel daran, dass es ihm um das besondere Verhältnis von Kunst-, aber auch Naturlicht und Farbe geht. Elíasson folgt dabei nicht bloß einem „l‘art pour l‘art“-Prinzip: Seine Projekte vertreten – ob gesellschaftlich oder ökologisch – mehr als nur einen rein künstlerischen Anspruch.

ÓLAFUR ELÍASSON: BAROQUE BAROQUE

Ausstellungsdauer bis 6. März 2016

www.belvedere.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 3/2016

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