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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 30. November 2015

Jeder ist sich selbst der Nächste, bitte!

In Warteräumen von Praxen und Ambulanzen herrscht kalter Krieg.

Haben Sie sich in Ihrer Praxis je selbst drangenommen? Wenn nicht, sollten Sie das mal tun und sich selbst auch gleich ein paar Stunden warten lassen, bevor Sie sich aufrufen. Dann wüssten Sie, was Ihre Patienten durchmachen, bevor Sie auf Ihrer Behandlungsliege landen. In den Ordinationen Norddeutschlands geht es vielleicht etwas anders zu. Frühmorgens betreten die Patienten den Warteraum, besetzen die Stühle mit Handtüchern und gehen mal frühstücken. So denkt der Schelm. Hierzulande verläuft die Sache nicht ganz so diszipliniert. Denn werden die Patienten in die heiligen Vorhallen der Heilung eingelassen, so gehen sie, weniger nach Reihenfolge des Eintreffens, sondern eher nach Reihenfolge des Stärkeren, mehr oder minder höflich, aber doch flotten Schrittes zum Aufnahmeschalter. Indem man unauffällig seinen Gang beschleunigt, lassen sich sogar ein paar gehbehinderte Mitpatienten überholen, ganz beiläufig, als ob man sie gar nicht bemerkt hätte, liegt man nun ganz regulär auf Platz Eins in der Reihenfolge des Eintreffens. Nicht umsonst hat man diese Technik jahrelang an der Supermarktkasse perfektioniert.

Dieser nicht ganz offen ausgetragene Konflikt führt jedoch zu einem Klima des Misstrauens im Wartezimmer, indem fortan jeder neu eintreffende Patient gemustert und akribisch dabei beobachtet wird, ob er sich auch an das Gesetz der Reihenfolge des Eintreffens hält. Tatsächlich herrschte früher oft das Faustrecht in den Wartebereichen. Die Patienten mussten sich untereinander ausmachen, wer „bitte der Letzte war?“, um sich nach dieser letzten Person als „das Allerletzte“ einzuordnen. Dennoch gab es immer wieder Menschen, die trotzdem beim ersten Öffnen der Tür zum Behandlungsraum auf den Arzt zustürzten, um ihm nur eine „kurze Frage“, ein „kleines Rezept“ und eine „ganz zeitunaufwändige Injektion“ abzuluchsen. Man hätte es schließlich eiliger, als die ganzen Rentner, die den Warteraum bloß als geheizte Stube missbrauchten.

Heute werden in modernen Ordinationen die Patienten vielerorts mit einem ausgeklügelten elektronischen System sortiert, geschlichtet und aufgerufen. Damit verliert das System aber gehörig an Transparenz. Denn es geht nicht nur um den „Zeitpunkt des Eintreffens“, sondern auch die „Art der Untersuchung“, „Dringlichkeit der Behandlung“, oder die „Sympathie des Behandelten“. Lauter Parameter, die mit einer ausgeklügelten Software zu einer gerechten Warteliste verarbeitet werden. Damit kann man keinem Mitpatienten etwas vorwerfen, wenn er vorzeitig in den Behandlungsraum gerufen wird. Ja man kann nicht einmal dem Personal unterstellen, bei der Vergabe der Startnummern zu tricksen. Ohnmächtig und demütig wartet man daher geduldig, bis der Computer darüber entscheidet, dass man an die Reihe kommt. Patientenbeschwerden werden, ganz easy, mit „das macht leider das System“ abgeschmettert, sodass sich auch die Ungeduldigsten einer höheren Macht beugen müssen. Nur die Hacker kommen aus einem unerfindlichen Grund früher dran.

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