zur Navigation zum Inhalt
© privat
Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 20. November 2015

Nearby Patients

Mit der neuen Standort-Anzeige von Facebook lassen sich nicht nur Freunde, sondern natürlich auch Patienten lokalisieren.

Wer sich im Internet aufhält, muss davon ausgehen, nicht einfach im Wohnzimmer oder im Büro privat vor dem Rechner zu sitzen, sondern unter den Augen der Öffentlichkeit zu agieren. Diese Erfahrung mussten schon so einige unbedarfte User machen, die ihre Meinung zum Vorgesetzten oder allzu gestriges Gedankengut gepostet und sich damit gleich auch aus dem beruflichen Leben gekickt haben.

Insofern sollten Dinge, die man nicht der Öffentlichkeit ausplaudern würde, nicht einmal in einer „geschlossenen Gruppe“ mitgeteilt werden. Wer den Drang hat, sich Unterwäsche des jeweils anderen Geschlechts auf den Kopf zu setzen und sich dabei zu fotografieren, sollte eher eine Polaroid-Kamera verwenden, als das Bild über Whatsapp hochzuladen. Schließlich ist es auch im analogen Leben nicht so, dass man Nase bohrend in seinem Auto sitzen kann, ohne dass es die anderen Verkehrsteilnehmer mitbekommen würden. Auch wenn einige Lenker glauben, man könne nur von innen nach außen durch die Autofenster blicken.

Dieser Tage wird auch hierzulande von Facebook der Dienst „Nearby Friends“ angeboten, also eine Standortanzeige für Freunde. Das kann praktisch sein, wenn man rasch mal wissen will, wer grad für ein rasches Bier, einen kurzen Seitensprung oder zum Schleppen schwerer Kisten in den vierten Stock zur Verfügung steht. Unpraktisch ist, dass auch eifersüchtige Partner den Dienst ebenso nützen können wie Arbeitgeber oder Lehrer. Denn das Wesen des Schulschwänzens liegt nun mal in der Unauffindbarkeit des Schwänzers.

Doch sehen wir den Neuen weniger als Fluch, denn als Segen. Vor allem bei der Anwendung in der Praxis und der Verbesserung der Arzt-Patienten-Beziehung. Wollen wir uns umfassend um unsere Schäfchen kümmern, so kann es gar nicht schlecht sein zu erfahren, wo sich die Herde gerade befindet. Nachdem die guten alten Karteikästen ohnehin digitalisiert sind, lässt sich das Ganze doch sicher auch mit Herrn Zuckerbergs Facebook verknüpfen. Dann wäre mit einem Blick auf einer Karte erkennbar, ob sich die Diabetes-Patienten in einem Konditor-Hotspot befinden bzw. ob sie tatsächlich regelmäßig spazieren gehen, wie sie immer behaupten.

Die Kehrseite der Medaille ist, dass die Funktion auch umgekehrt genutzt werden kann, sodass auch Patienten wissen, wo man sich gerade befindet. So kann die zwei Minuten vor Ordinationsschluss gerne gestellte Frage „Ist der Doktor noch da …?“ von der Sprechstundenhilfe nicht mehr mit einem lapidaren „Er musste noch zu einem Hausbesuch“, „Er ist auf Kongress in San Diego“ oder „Er ist leider vor zwei Wochen verstorben“ beantwortet werden. Patienten können den Doktor orten und wissen, dass er still hinter der Tür wartet, bis die Luft rein ist.

Ehrlichkeit ist also für beide Seiten angezeigt. Oder man macht weiter wie bisher und deaktiviert die Nearby-Funktion.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben