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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 10. November 2015

Es ist doch nicht alles wurscht!

Nach den Ergebnissen der aktuellen WHO-Studie üben sich die fleisch- und wurstaffinen Österreicher in empörter Panik.

Jahrzehntelang haben wir uns Schinkenröllchen, Leberaufstrich und Schweinsstelze schmecken lassen. Im guten Glauben daran: Wir tun unserem Körper damit etwas Gutes! Immerhin pflanzte die Werbung Sprüche wie „Fleisch bringt’s“ oder „Schaut der Arzt mal weg, greife schnell zum Speck“ in unsere Gehirne. Wir dachten, wir werden stark und klug und schaufelten das Zeug in uns rein, um nicht so schwach und dämlich zu werden, wie ein Mensch, der sich nur von Karotten und Leinsamen ernährt. Denn nur im Fleisch sind die wertvollen Vitamine drin, die Folsäure und was sich sonst noch alles im Schnitzel findet. Wer hätte gedacht, dass es nun anders ist, dass nun plötzlich aus heiterem Himmel der Salat unter den Speckwürfeln gesünder sein soll, als die Speckwürfeln selber!

Die Agentur für Krebsforschung der WHO hat in einer Metaanalyse aus 800 Studien festgestellt, dass der Genuss von Wurstwaren oder rotem Fleisch das Darmkrebsrisiko erhöhen soll. Das sitzt. Immerhin handelt es sich um eine Metaanalyse und da müsste man schon mit einer Kilo-Meter-Analyse kommen, um diese zu widerlegen.

Auf die anfängliche Phase der Panik, bei der viele Österreicher die zweite Leberkäsesemmel zur Sicherheit nur zur Hälfte aufaßen, folgte die Empörung: Darf uns denn jede dahergelaufene WHO unsere landwirtschaftlichen Qualitätsprodukte madig machen? Nicht nur, dass die EU vorschreibt, wie gebogen die Knackwurst zu sein hat, sollen wir jetzt noch ganz darauf verzichten? Der heimische Boulevard rief zum Protestschlemmen auf, ja, es wurde sogar überlegt, Herrn und Frau WHO die Einreisegenehmigung zu verweigern. Da könnte man auch gleich die Zäune testen, die man gerade baut.

Gleichzeitig werden Kritiker der Fleischeslust in ihrer Meinung bestärkt und freuen sich über den offiziellen Rückenwind, sodass sie sich fortan nicht mehr schutzlos vom Würstelstandbesitzer anpöbeln lassen müssen, wenn sie eine „Käsekrainer, aber bitte ohne Krainer“ bestellen.

Am Rande bemerkt wurde bereits im Mai 2015 im „Journal of the American College of Nutrition“ eine Metaanalyse aus 27 Studien veröffentlicht, mit dem Ergebnis: „Fleisch spielt keine Rolle bei der Entstehung von Darmkrebs“. Im Jahr zuvor zeigte eine Metaanalyse aus 18 Studien im „Journal of Cancer Research and Clinical Oncology“, dass Fleischkonsum sehr wohl mit dem Risiko von Magenkrebs korreliert. Na was jetzt … Wer seinen gesunden Menschenverstand einschaltet, kann sich ausmalen, was man zu sich nehmen sollte. Auch ohne Studien. Und wer die Auffassung vertritt, Grammelschmalz wäre auf Dauer gesünder als Stangensellerie, wird sicher eine entsprechende Studie dazu finden. Hätte die WHO übrigens spitzbekommen, dass wir hierzulande auch Apfelstrudel und Kaiserschmarrn in uns reinfuttern, hätte sie wohl gleich eine entsprechende Metaanalyse nachgeschoben. Glauben Sie mir: Dieses Ergebnis wollen wir erst gar nicht wissen.

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