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© Pascal Deloche / picture-alliance
Wachsfiguren: Sensationelles Anschauungsmaterial des 18. Jahrhunderts.
© Carl Schütz / dpa

Das Josephinum auf einem Stich aus dem Jahr 1785.

© Karl Schöndorfer/dpa

Der Doppeladler auf dem altehrwürdigen Josephinum, hier war die „Chirurgisch-medizinische Akademie Wien“ untergebracht.

 
Leben 10. November 2015

Josephinische Wachswunderwelt

Die zerlegbare „Mediceische Venus“ und andere Studienobjekte faszinieren seit 230 Jahren.

Der Habsburger-Kaiser Joseph II. gründete vor 230 Jahren das Josephinum in Wien-Alsergrund, um Militärärzte auszubilden. Diese sollten an möglich lebensnahen Objekten studieren. Dafür ließ der Sohn Maria Theresias eine umfassende Sammlung an anatomischen Wachsmodellen in Italien anfertigen und mühselig über die Alpen in die Hauptstadt der Monarchie bringen.

Obwohl sie fast 230 Jahre alt ist, wirkt die „Mediceische Venus“ so lebendig wie nie. Sie trägt eine Perlenkette um den Hals, ihr langes, blondes Haar umschmeichelt das Gesicht. Ihre Haut schimmert zartrosa, die Lippen sind rot. Was sie aber von den Lebenden unterscheidet ist der offene Brust- und Bauchraum: Lungenflügel, Lungenlappen, Bronchien, Herz, Zwerchfell und Leber – alles aus Wachs und in Einzelteilen herauszunehmen. Als Joseph II. (1741 bis 1790) am 7. November 1785 die k.k. medizinisch-chirurgische Josephs-Academie eröffnete, um eine moderne chirurgische Ausbildungsstätte zu schaffen, wollte er den angehenden Ärzten authentisches Anschauungsmaterial bieten. Er ließ in Florenz anatomische Wachsmodelle anfertigen. Die Idee kam ihm nach einem Besuch im naturwissenschaftlichen Museum „La Specola“, das sein Bruder Leopold, Großherzog der Toskana, mit pflanzlichen und tierischen Präparaten aus Wachs ausstatten ließ. Oberitalien war das florierende Zentrum der Wachsmodellierkunst. Zuvor wurden etwa geburtshilfliche Präparate aus Terrakotta und Ton hergestellt. Wachs aber war nicht nur leichter formbar, sondern auch kostengünstiger.

Die Erzeuger der anatomischen Modelle waren künstlerisch handfertige Anatome, die unter der Leitung von Felice Fontana (1720 bis 1805) und Paolo Mascagni (1752 bis 1815) werkten. Sie stellten zunächst Gipsformen her, die sie mit Öl oder Seife einstrichen, damit sich die Poren schließen und später die Ablösung des Wachses so einfach wie möglich gelang.

Ukrainisches Bienenwachs

Für die andere Masse wurde weißes Wachs von wilden ukrainischen Bienen – das besonders kälte- und hitzeresistent war – erwärmt. Danach mengten sie Öl, Schweinefett und in Terpentin aufgelöste Farbe bei. Wenn alles die richtige Konsistenz hatte, wurde es in mehreren Schichten in die Gipsformen gegossen. War das Wachs abgekühlt, tauchte man die Formen kurz in kaltes Wasser, womit sich das Wachs leichter von der Gipsfläche trennen ließ. Wie ein Kuchen aus einer Form. Die Nervengeflechte, Adern und Gefäße für die Präparate formten sie hingegen aus Draht und überzogen sie anschließend mit Wachs. Auch heute noch leuchten sie in kräftigen Farben. „Sie sollten nicht nur als anschauliche Studienobjekte dienen, sondern gleichzeitig schön aussehen. Sie sind eine Mischung aus wissenschaftlichen und kunstgeschichtlichen Objekten. Und sie sind auch eleganter und farbenprächtiger als präparierte Modelle von Menschen“, sagt Dr. Christiane Druml, sie leitet die Sammlungen der Medizinischen Universität Wien im Josephinum.

Dessen Gründer, Joseph II., bestellte zu Lebzeiten insgesamt 1.192 Wachs-Modelle im Wert von 30.000 Gulden. 1784 wurden die ersten fertigen Objekte in Einzelteile zerlegt und verpackt in einem Konvoi aus Menschen und Maultieren von Florenz über Bologna und Verona über den Brenner bis zur Donau gebracht und von Linz nach Wien verschifft. Sechs Jahre lang arbeiteten die Ärzte am Auftrag des Kaisers. An der Darstellung der Ganzkörper-Figuren ließen sich die Modelleure von der Kunst der damaligen Zeit inspirieren: Sie benutzten Gestalten aus Michelangelos Skizzen, die teils entrückten Heiligen und Märtyrern ähneln. Die Körper der Frauen haben barocke Züge.

Die Modelle dienten nicht nur als Anschauungsmaterial für angehende Chirurgen, sondern waren auch für die Öffentlichkeit zu sehen – um ihnen den Aufbau des menschlichen Körpers zu vermitteln. Christiane Druml: „Joseph II. setzte sich im Sinne der Aufklärung für eine bessere Bildung der Menschen ein.

Daher waren die Wachsmodelle auch für die Bevölkerung zugänglich“. Heute sind sie nach wie vor zu besichtigen, benötigen aber aufgrund des fortschreitenden Alters mehr Pflege denn je.

Eine Restauratorin betreut die Objekte und wacht darüber, dass die räumlichen Bedingungen adäquat für das empfindliche Wachs sind.

Gleichzeitig ist das Josephinum aber auch Ort von anderen bedeutsamen Sammlungsbeständen wie z.B. wertvollen Bibliotheken, etwa Bücher über Geburtshilfe, Chirurgie oder Botanik sowie historisch-medizinischen Instrumenten und Nachlässen.

Es gibt auch ein umfangreiches Bildarchiv mit einigen tausend Bildern, die im Laufe der Jahrzehnte die Sammlung bereicherten.

Bereits der Leibarzt von Kaiserin Maria Theresia, Gerard van Swieten, versuchte gegen die „Barbarei des Unwissens“, wie er sie nannte, anzukommen.

Joseph II. führte dies weiter. Generell wurde sein Reformeifer immer wieder von herrschenden Eliten, aber auch seiner kurzen, zehnjährigen Regentschaft gebremst.

Auch bei der Gründung des Josephinums stieß er auf Widerstand seitens der Wiener Ärzteschaft. Sie waren skeptisch, denn bis dato führten Bader oder Wundärzte mit handwerklicher Ausbildung Operationen durch.

Dies änderte sich erst, als die Ausbildung durch das Josephinum in ein Akademisches Fach gehoben wurde, erklärt Druml. „Trotz seiner relativ kurzen Regentschaft hat Kaiser Joseph II. grundlegende Sachen geschaffen, von denen wir heute noch zehren – aus wissenschaftlicher und ästhetischer Sicht.“

Neben der Wachsmodellsammlung beherbergt das Josephinum auch die sogenannte „Josephinische Bibliothek“ mit vielen historischen Werken, die an ausgewählten Abenden in einer exklusiven Führung gezeigt werden. Die Termine finden Sie unter: www.josephinum.ac.at

Sandra Lumetsberger, Ärzte Woche 46/2015

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