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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 2. November 2015

Tote erzählen

Rund um Allerheiligen gedenkt man jener Menschen, die ihren Körper posthum der Wissenschaft vermacht haben.

Wenn die Kinder wieder durch die Straßen ziehen und „Süßes oder Saures!“ rufen, weiß man, dass der Herbst endgültig ins Land gezogen ist. Obwohl man hierzulande kritisiert, dass Halloween ein amerikanischer Schmarrn, denn ein heimischer Brauch ist, haben die Kinder weitaus mehr Freude über eine Klingeltour von Haus zu Haus, als über eine Friedhofstour von Grab zu Grab, wo hoffentlich niemand aufmacht. Halloween schlägt Allerheiligen um Längen, was den Fun-Faktor anbelangt. Auch die Supermärkte verdienen besser an Kürbissen, orangefarbener Schokolade und Pombären in Geistergestalt, als an Teelichtern für die Grablaterne. In beiden Fällen wird der Toten gedacht. Wobei der Besuch eines Friedhofes etwas kontemplativer ist, als das Schnorren von Gummibärchen.

Will man sich als Arzt ein wenig in Demut üben, so kann einem der eine oder andere Grabstein Aufschluss und die Grenzen der medizinischen Heilkunst geben. Dabei geht es nicht unbedingt um Inschriften wie „Hier ruht der Arzt Herr Dr. Grimm und die Patienten neben ihm …“, oder die posthume Schelte an den Behandler: „Es war dann wohl doch kein grippaler Infekt, Herr Doktor!!“

Nein, wir können von den Verstorbenen lernen. Gerichtsmediziner, Pathologen, Anatomen oder Anthropologen wissen die Sprache der Toten zu verstehen. Dass die Pathologen alles wissen, nur leider zu spät, ist hinlänglich bekannt, aber keine Kunst. Dürften wir jeden unserer Patienten in der Ordination nicht nur abhören, sondern gleich auch sezieren, wüssten wir, ob es sich um eine Pneumonie, einen Gallenstein oder doch nur um einen eingeklemmten Furz handelt.

Als Studierende durften wir nicht nur einen Blick in die formalingetränkten Körper Verstorbener werfen, sondern diese auch in ihre Bestandteile zerlegen. Großen Dank gilt hier jenen Menschen, die zu Lebzeiten ihren Körper der Anatomie vermacht haben. In Wien, die ihren Ruf als morbide Stadt doch immer wieder gerecht wird, gibt es auch keinen Engpass an Leichen, obwohl man zusätzlich zu seinem Körper noch ein paar Hundert Euro löhnen muss, um „dabei“ zu sein. Die Gründe für eine solche Körperspende sind allerdings nicht immer hehrer Natur. Schließlich handelt es sich um die weitaus kostengünstigste Bestattungsvariante. Und manche wollen selbst nach ihrem Ableben nichts mehr mit ihrer Verwandtschaft zu schaffen haben.

So findet um diese Zeit eine Totenmesse statt, in der man den Verstorbenen gedenkt, die, von den Studenten übrig gelassenen Teile, bestattet, und gleichsam dafür betet, die Studenten mögen künftig die lebenden Körper etwas sorgsamer behandeln.

Dass die Seele schon entwichen ist, bevor der Leichnam als anatomisches Präparat am Seziertisch landet, ist der Seele zu wünschen. Denn ein „Uups, ich glaub, ich hab grad die Aorta durchgeschnitten“ möchte man selbst als Toter von einem angehenden Arzt nicht hören.

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