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© (4) Thomas Dittler
Parfum-Sammlerin und Kunsthistorikerin Andrea Schaffner-Dittler, im Hintergrund ein kleiner Teil ihrer Sammlung.

Jede Epoche hat ihren ganz besonderen Duft: Eine Auswahl von Parfums und Flakons, die der Zeit, in der sie kreiert wurden, entsprechen.

Vom gefeierten Couturier seiner Zeit zum Parfumeur Createur – Lucien Lelong: Elle. Elle... aus dem Jahr 1937

Opulenz für die Nase: Parfum-Flakons mit Glasstopper bewahren die Unverfälschtheit der edlen Düfte.

 
Leben 2. November 2015

Die Parfüm-Sammlerin

Der Geruchssinn spielt eine essentielle Rolle im Leben. In besonderer Weise trifft das auf Andrea Schaffner-Dittler zu. Ein kleiner Einblick in ihre faszinierende Welt der außergewöhnlichen Düfte.

Duft ist vergänglich: Wer sich mit Düften umgibt, entwickelt ein ausgeprägtes Sensorium. Die passionierte Parfum-Sammlerin und Kunsthistorikerin Andrea Schaffner-Dittler sucht mit wissenschaftlicher Akribie nach der besonderen Note.

Besondere Erlebnisse prägen oft ein Sammler-Leben. Bei Andrea Schaffner-Dittler führt dies zurück in die Kindheit: „Eine frühe Erinnerung ist eine Schublade mit allerlei Fläschchen und Pröbchen, die meiner Mutter gehörten. Als es mir dann glückte, die Stöpsel zu öffnen, gab es bemerkenswerte Duftexplosionen. Besonders einmal. Ich suche nach diesem Duft noch heute.“ Als sie in den 1990er Jahren zu sammeln begann, wurde die Faszination zunächst über thematische Foren, Sites und Blogs im Internet sowie die dünn gesäte Fachliteratur geschürt.

Fundierte Informationen waren auf jenen Seiten zu finden, die sich mit Düften und ihrer Zusammensetzung und dem jeweiligen Parfumeur Createur beschäftigten. Immerhin gibt es 40.000 historische Parfums, pro Jahr kommen 3000 Neuerscheinungen hinzu. Das Sammelgebiet war zu dieser Zeit noch neu: „Die Konkurrenz war gering, oft wurden große Konvolute günstig versteigert. Heute sind einige der damals erworbenen Parfums praktisch nicht mehr aufzutreiben.“ Dabei blieben Enttäuschungen nicht aus. „Man muss sich auf seine Nase verlassen lernen. Der Erhaltungszustand der Duftessenz ist nur durch Prüfung und Vergleich zu erkennen.“ Mittlerweile hat Andrea Schaffner-Dittler eine Ausbildung zum Parfumeur begonnen, um einzelne Ingredienzien differenzieren und die Komplexität der Kreation, Stilrichtung und Schule bewerten zu können. „Parfumkunde ist wissenschaftlich noch nicht wirklich erfasst. Es fehlt an einer Systematik, an deskriptivem Fachvokabular. Deshalb sind Rückgriffe auf das Vokabular der Musik, Kulinarik oder der Oenologie nötig.“

Folgenreiche Leidenschaft

„Der erste Duft, mit dem das Sammeln begann, war Après l’Ondée, dazu kamen vier weitere Parfums, die ich als Zufallskauf im Konvolut erstanden habe. Après l’Ondée (Jacques Guerlain, Guerlain) von 1906 ist eine Mischung aus Heliotropin (Mimose, Mandel) sowie Iris und Herbes de Provence, ein sehr eleganter, leicht melancholischer Duft. Dann Masumi von Coty von 1967, ein rosiges Chypre mit einer ausgeprägten Honignote und Bellodgia von Caron, 1927, im Kristallflakon. Von Ernest Daltroff komponiert, ist dies ein ultimatives Nelkenparfum.“ Auch Diorling von Dior, Parfumeur Pau Vacher, aus dem Jahr 1963, ein Lederchypre, sowie Inoui von Shiseido, 1976, zählen zu den früh erworbenen Parfums. Der älteste Duft, der sich in der Sammlung in einwandfreier Erhaltung befindet, stammt aus der Zeit des Fin de Siècle, nämlich Jicky von Guerlain aus dem Jahr 1889. Die Parfumsammlung umfasst inzwischen über 1200 Düfte, derzeit wird der Sammlungskatalog erstellt. Da auch Düfte altern, sollten Parfums dunkel, kühl, bei etwa vier Grad Celsius und möglichst luftdicht aufbewahrt werden. Die Sammlerin zieht Flacons mit Glasstopper den Sprayern oder Plastikstoppern vor, da bei letzteren der Duft evaporiert und leicht oxidiert.

Sammler-Latein

Natürlich unterliegen Parfums bestimmten Moden. „Da gibt es sehr unterschiedliche Stilrichtungen: Symphonisch (Amouage), klassisch (Guerlain), abstrakt, aquarell (Hermes), konzeptuell (Kenzo, Etat Libre d’Orange), orientalisierend (Serge Lutens) deskriptiv, monothematisch, linear und so fort.

Die Anzahl legendärer Düfte liegt bei etwa 200, wobei es keinen expliziten Kanon gibt. „Große Parfums verändern sich von Mal zu Mal. Das macht ein Parfum spannend, weil es immer Neues zu entdecken gibt. Was ich an Vintage Parfums liebe und worauf ich achte, sind Komplexität und Fülle (richness), französische Parfumeure nennen dies ‚gras‘ (fett). Das Gegenteil wäre die Luminosität (Leuchtkraft) zeitgenössischer Parfums. Vintage Parfums enthalten einen hohen Anteil von Basen und natürlichen Materialien. Basen sind Akkorde aus verschiedenen Materialien. Die Kompositionen klassischer Parfums besitzen eine unerhörte Komplexität. Die vielen natürlichen Bestandteile wie Jasmin- oder Rosenöl sind schon in sich komplex. Zitronenöl besteht aus über 300 verschiedenen Duftmolekülen. Wenn die perfekte Harmonie gelingt, ist dies eine Herausforderung für die Nase!“

Parfumeure sind Künstler mit einer hohen Expertise. Dennoch müssen sie oft anonym arbeiten, das Rezept ihrer Kreation ist nicht ihr Eigentum und nicht urheberrechtlich geschützt. Es gibt heute viel mehr Materialien als in der klassischen Palette. Strenge EU-Verordnungen, wie das Verbot von echtem Eichenmoos, führen zu Veränderungen der klassischen Rezepturen. Die Kosten für manche Materialien sind immens gestiegen oder sie sind wie echter Moschus oder Mysore Sandelholz nur mehr eingeschränkt verfügbar. „Finden kann man diese phantastischen originalen Materialien nur noch in den originalen Vintages, so das Eichenmoos in Mitsouko, die Hyazinthe in Guerlain Chamade, Mysore Sandelholz in L’Heure Bleue (Guerlain), den Birkenteer von Knize Ten, das Leder von Chanels Cuir de Russie oder die florale Opulenz von Joy de Patou, sowie etwa Le Galions Snob. Das originale Chanel No.5 enthielt beispielsweise 30 Prozent Zibet und verschiedene Moschusmaterialien. Heute ist es eher so, dass eine Parfumformel leicht reproduzierbar und leicht verständlich sein muss.“

Und was leitet sie beim Sammeln? „Ich verfolge keine feste Strategie. Maßgeblich ist, ob ich mich in ein Parfum ‚verliebe‘. Ein Parfum passt, wenn es einem ein unwillkürliches Lächeln ins Gesicht zaubert. Das ist der Moment, um den es mir bei der Auswahl geht.“

Thomas Kahler, Ärzte Woche 45/2015

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