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Ein verwirrendes Spiel mit vielfältigen Bedeutungsebenen: Habitat Group for a Shooting Gallery, 1943

Fundstücke, die biographisch das Leben des Märchenkönigs illustrieren: Untitled (The Life of Ludwig II of Bavaria), 1941-52

Eine Palastkulisse vor dürrem Geäst: Damit gelang es, die Phantasie des Betrachters zu beflügeln: Palace, 1943

© (5) The Joseph and Robert Cornell Memorial Foundation

Schwerelose Eleganz: Eine Hommage an das Ballett und an die Tänzerin Tilly Losch, 1935 (Collection of Robert Lehrman, courtesy of Aimee and Robert Lehrman)

 
Leben 26. Oktober 2015

Magische Poesie

Nach Lucian Freud setzt das KHM in Wien seine Reihe „Modern Masters“ mit Joseph Cornell fort. Die Ausstellung präsentiert ein vielschichtiges Oevre, das bedeutende Künstler des 20. Jahrhunderts beeinflusste.

„Wanderlust“, so der Titel der Ausstellung in der Royal Academy in London, die in Kooperation mit jener in Wien steht, hat den Amerikaner Joseph Cornell sein Leben lang begleitet. Die Rückübersetzung des Lehenswortes ins Deutsche bedeutet zugleich „Fernweh“ und drückt eine Sehnsucht aus, die für Cornell unerfüllbar blieb. Seine „Boxes“ voll magischer Poesie sind dafür ein eindrucksvolles Zeugnis. Bis Jänner 2016 bietet das Kunsthistorische Museum in Wien die einmalige Gelegenheit Cornell und seinem Werk näher zu kommen.

Anders als manch einer seiner Zeitgenossen, die die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts prägten, blieb der 1903 geborene Joseph Cornell über lange Zeit dem großen Publikum nahezu unbekannt. Das liegt zum einen daran, dass seine kleinformatigen „Boxes“ für große Werkschauen kaum tauglich sind. Zum anderen sind diese delikat gestalteten Objekte auch sehr empfindlich. Jene, die solch rare Stücke besitzen, geben sie nur äußerst ungern aus der Hand und auch dann nur gegen Zusicherung höchstmöglicher Sorgfalt beim Transport und der Präsentation.

Welche logistische Meisterleistung mit der Konzeption dieser Ausstellung, die insgesamt vier Jahre in Anspruch nahm, verbunden war, darüber gibt Jasper Sharp als Kurator Auskunft. „Es gibt bislang kein Werkverzeichnis von Joseph Cornells Arbeiten“, so Jasper Sharp. „Dadurch war die Recherche ungeheuer schwierig und langwierig.“ Mit teils detektivischem Spürsinn gingen er und Kuratorin Sarah Lea allen Spuren nach, um Schlüsselwerke von Cornell zu finden. Oft gelang dies, manchmal verlor sich die Spur, und eine bestimmte Box blieb unauffindbar.

Nach der ersten Präsentation in London setzt die Ausstellung in Wien mit der bislang umfassendsten Anzahl von Werken Joseph Cornells die Reihe „Modern Masters“ im KHM fort: Als erste Präsentation waren die Werke von Lucien Freud in Verbindung mit den Meisterwerken der Gemäldesammlung zu sehen. „Die Ausstellung mit den Werken Joseph Cornells zu organisieren war äußerst schwierig“, so Jasper Sharp, „da Leihgaben mehrmals zu- und wieder abgesagt wurden und die Zusagen nur unter weitreichenden Konzessionen, was die Transportsicherheit betraf, schließlich doch erfolgten.“

Imaginäre Reisen

Cornell, der nachweislich so gut wie nie gereist ist – seine Heimatstadt New York hat er nur einmal verlassen, um ins Umland der Millionenmetropole zu gelangen – wäre wohl mehr als erstaunt, wüsste er, mit welch akribischem Spürsinn die beiden Kuratoren sich auf die Spuren seiner Objekte geheftet haben. So unbekannt er einer breiten Öffentlichkeit blieb, so sehr pflegte dieser „Künstler für Künstler“ zeit seines Lebens nicht nur mit namhaften amerikanischen Künstlern freundschaftlichen Umgang. Mit Marcel Duchamp, Sol le Witt, Robert Motherwell, Robert Rauschenberg oder auch mit Donald Judd und Andy Warhol war er in regem Austausch. Viele von ihnen hat er zudem nachhaltig beeinflusst. Manche besuchten ihn in seinem Haus in Utopia Parkway im New Yorker Stadtteil Queens, in dem er mit seiner Mutter und seinem Bruder Robert, der an einer Behinderung litt, sein Leben zubrachte. Neben seinem Brotberuf als Gestalter und Vertreter für Textil-Stoffe, der während der 1920er und 1930er Jahre ein karges Einkommen garantierte, führte er eine zweite, künstlerische Existenz und legte umfangreiche Materialsammlungen an, aus denen nach und nach die eine oder andere Box entstand.

Cornells Werk hat nichts Epigonales an sich. Er war vielmehr ein Chronist, der die Einflüsse des alten Europa, die in New York in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch deutlich sicht- und spürbar waren, in sein Werk aufnahm. Als Künstler war er Autodidakt, verfügte aber über die besondere Fähigkeit aus alltäglichen Gegenständen etwas ganz Besonderes entstehen zu lassen. Der amerikanische Autor, Lyriker und Filmkritiker Harrison Parker Tyler hat dies in einer Widmung sehr treffend umschrieben: „to Joseph Cornell, the Benvenuto Cellini of flotsom and jetsam“ (gemeint ist damit Treib- und Strandgut). Cornell hat aus wertlosen Materialien Objekte geschaffen, die einer „Antikunst-Kammer“ würdig sind, und gleichsam wie in einem alchimistischen Prozess dabei Unedles in etwas Wertvolles und Kostbares verwandeln. Sein akribisches Wissen über Literatur, Theater und Tanz weist ihn als ein spätes Exemplar eines umfassend kundigen Kunst-Kammer Impresarios aus. Cornell als Romantiker zu bezeichnen, dem sehnsuchtsvolle Melancholie nicht fremd war, ist demnach völlig richtig.

Das von ihm in hingebungsvoller Kleinarbeit geschaffene Universum hat enzyklopädische Züge; jede Box birgt eine Vielzahl bemerkenswerter Bedeutungsebenen. Als Herr über dieses Universum konnte Cornell durch seine poetischen Interventionen auf nahezu magische Art und Weise aus ausweglosen Situationen mögliche Perspektiven kreieren und hat darum wohl auch Entfesselungskünstler Harry Houdini sehr bewundert. Seine Bewunderung galt zudem berühmten Tänzerinnen, denen er Exemplare seiner „Boxes“ gewidmet hat. Oft war dies mit einer umfangreichen Korrespondenz verbunden, woraus weltumspannende Brief-Freundschaften entstanden. Einer dieser Wege führte den imaginär Reisenden nach Wien zur Tänzerin Tilly Losch, der er 1935 eine seiner subtil arrangierten „Boxes“ widmete. Distanz war ihm dabei immer wichtig, das vermitteln auch seine Arbeiten. Man kann diesen nämlich nur so nahe kommen, wie es das schützende Glas zulässt. Und dennoch lösen die rätselhaften „Boxes“ mit ihrem geheimnisvollen Innenleben etwas aus, was Joseph Cornell nur zu gut kannte – sehnsuchtsvolles Fernweh.

Joseph Cornell: Fernweh Kunsthistorisches Museum Wien

Bis 10. Jänner 2016; www.khm.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 44/2015

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