zur Navigation zum Inhalt
Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 19. Oktober 2015

Selfie am Arbeitsplatz

Mit den Jungmedizinern folgt auch viel neue Technik in die Spitäler.

Was waren wir damals verzückt: Inmitten des Schwarzwaldes behandelten Herr Prim. Prof. DDr. Klausjürgen Wussow, Schwester Gabi Dohm und Herr Oberarzt Dr. Sascha Hehn gemeinsam mit Herz und Verstand Patienten mit großem Erfolg, die die Uniklinik längst schon aufgegeben hatte. Nun betritt eine Generation von Medizinern die Spitäler, die mit ganz anderen Sendungen sozialisiert wurden: Grey’s Anatomy oder Scrubs. Und während die neuen Arzt-Serien bereits eine gewisse Freude am Spiel mit Worten haben, man den ehrwürdigen Atlas der Anatomie von Henry Gray genauso augenzwinkernd hernimmt wie die Berufsbekleidung der Chirurgen „scrubs“ (ein Begriff, der im Englischen auch „Versager“ heißen kann), bedeutet „Schwarzwaldklinik“ nicht mehr als eine Klinik, die im Schwarzwald angesiedelt ist. Vielleicht kommen die älteren Kollegen den jüngeren deshalb oft so hölzern vor.

Mittlerweile gelangen Jungmediziner in die Krankenhäuser des Landes, die bereits den Generationen X, Y und Z, und was auch immer danach folgen mag, angehören (Vielleicht hätte man bei dieser Klassifizierung rückblickend eher mit A beginnen sollen, um nun nicht in einem alphabetischen Erklärungsnotstand zu gelangen). Der Umgang mit Smartphones und das Verschicken von Selfies gehören für sie ebenso dazu, wie für andere Ärzte das Atmen und das Golfen. Da kommt man als Alteingesessener kaum nach und selbst, wenn man glaubt, den neuesten Schrei am Technikmarkt zu besitzen, bekommt man vom jugendlichen Mob ein freches „Ist das ein Seniorenhandy?“ zu hören.

Seit die elektronischen Medien zum Leben dazugehören, haben auch die Verbotsschilder in den Krankenanstalten, die den Gebrauch von Mobiltelefonen untersagen, eher dekorativen Charakter. Schließlich kommt das Personal, das plaudernd und chattend durch die Krankenhausgänge huscht, in Erklärungsnotstand, warum deren Geräte die sensible Spitalstechnik wie EKG, Stethoskop oder Stauschlauch weniger stören sollte, als die Telefone der Patienten.

Dass sich der Umgang mit der Technologie den Gepflogenheiten im Krankenhaus anpassen muss, liegt auf der Hand. Man erinnert sich an den Fall eines Kärntner Anästhesisten, der ein Foto aus einem Operationssaal postete, um auf die nächtlichen Arbeitszeiten der Ärzte hinzuweisen: „Es ist 0.30, nur für die, die glauben, wir schlafen in der Nacht“, so der Begleittext. Da nicht nur die OP-Mannschaft, sondern auch ein betäubtes und intubiertes Kind am Operationstisch zu sehen war, kassierte der Kollege einen gehörigen Rüffel von der Facebook-Community, der Ärztekammer und wahrscheinlich auch von Übersee: „Es ist 0.31, nur für die, die glauben, wir schlafen in der Nacht“ (NSA).

Es überholt also nicht nur der medizinische Fortschritt die Ethik, wie es immer wieder heißt, sondern auch der technische Fortschritt den Knigge. Bis der Knigge nachkommt, sollte man mit Selfies am Arbeitsplatz ein wenig vorsichtiger sein. Vor allem, wenn man als Chirurg, Formel-1-Pilot oder Geheimagent tätig ist.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben