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Stammbuch aus dem späten 18. Jahrhundert mit goldgeprägtem Ledereinband unddazugehörigem Schuber.

Je persönlicher, desto besser:Einlageblätter mit phantasiereichen Motiven und Widmungen, 1. Hälfte 19. Jahrhundert.

Kostbare Form der Erinnerung: Ein Loseblatt-Poesiealbum in einer Kassette mit Schuber, Anfang 19. Jahrhundert.

© (5) Christa Knott/ÖMV

Ledergebundenes Poesiealbum, 1. Hälfte 19. Jahrhundert mit Einlageblättern und romantisierender Darstellung auf dem Umschlag.

Poesie in ihrer schönsten Form: Ein Konvolut Poesiealben 2. Hälfte 19. Jahrhundert mit einem Sträußchen Trockenblumen

 
Leben 19. Oktober 2015

Denk an mich!

Lange vor Facebook und Twitter gab es eine besondere Form, um Zuneigung kundzutun: Stammbücher und Poesiealben dienten über Jahrhunderte hinweg dazu, Freundschaften in Wort und Bild festzuhalten.

Im Zeitalter der elektronischen Medien sind sie ein wenig aus der Mode gekommen: In der Ausstellungsreihe „Objekte im Fokus“ stellt das Volkskundemuseum Wien Poesiealben und Stammbücher aus dem eigenen Bestand unter dem Titel „Denk an mich! Stammbücher und Poesiealben aus zwei Jahrhunderten“ vor.

Der handgeschriebene Brief, die Widmung in einem Gästebuch, beides sind Gesten, die über Generationen hinweg gepflegt und weitergegeben wurden. Das handgeschriebene Wort hatte besonderes Gewicht; selten wurde es übereilt dem Adressaten übermittelt. Die Anzahl der nicht abgesandten Botschaften dürfte dabei den zugestellten durchaus ebenbürtig gewesen sein. Das ist durchaus nicht ungewöhnlich und verständlich, vertraute man einem Brief doch oft intime Gedanken an. Geschriebenes ist somit oft von erheblicher, wenn auch meist nur zeitlich begrenzter Bedeutung. Ein Tagebuch etwa nimmt unterschiedlichste eigene Stimmungen auf. Im Nachhinein ist manches davon mitunter gar nicht mehr nachvollziehbar, und dennoch sind dies wertvolle Zeugnisse für einen bestimmten Gemütszustand oder eine Situation, in der man sich zu diesem Zeitpunkt befand.

Zeugnisse wahrer Freundschaft

Bei Stammbüchern und Poesiealben verhält sich dies etwas anders, da sie zwar für einen selbst bestimmt sind, die Sinnsprüche und persönlichen Widmungen darin aber von nahestehenden Menschen formuliert wurden. Die in diesen Alben gesammelten Freundschaftsbelege sollen schließlich die unverbrüchliche und damit dauernde Zuneigung ausdrücken. Anders als bei Tagebüchern geht es dabei weniger um das Festhalten einer zeitlichen Chronologie. Auch die Selbstreflexion ist eher etwas, das über handschriftliche Tagebucheintragungen erfolgt. Die Einträge und in frühen Exemplaren oftmals künstlerisch gestalteten Seiten in den Stammbüchern und Poesiealben sind stattdessen ein freundschaftliches Unterpfand und drücken zudem eine besondere Wertschätzung aus.

Historisch reichen diese gebundenen und oft auf Reisen mitgenommenen Büchlein bis ins 16. Jahrhundert zurück. In der Anfangszeit waren sie eher eine männliche und keine weibliche Domäne. Vom handschriftlichen Schreiben, das in den gehobenen bürgerlichen Ständen damals schon verbreitet war, wurde außer in geschäftlichen Angelegenheiten auf humanistisch geprägten Bildungsreisen davon Gebrauch gemacht. Besondere Begegnungen samt Widmungen, die für den jeweiligen Besitzer oftmals eine wichtige Referenz darstellten, wurden in den Stammbüchern festgehalten. Heute sind diese handschriftlichen Quellen auch historisch von großer Bedeutung: So sind in den 845 Stammbüchern aus dem Bestand der „Herzogin Anna Amalia Bibliothek“ in Weimar teils sehr persönliche Einträge berühmter Persönlichkeiten von Luther bis Goethe enthalten: Studenten hatten um Einträge in die Bücher gebeten, die allerdings nur dann erfolgten, wenn sich derjenige auch solch einer Widmung würdig erwiesen hatte.

Facettenreiche Niederschriften

Nicht immer waren die Zeilen in den Stammbüchern nur persönlicher Natur, es gab auch Bezüge zu wichtigen politischen Ereignissen. Mit der Wende zur Romantik Anfang des 19. Jahrhunderts und dem Aufkeimen des bürgerlichen Zeitalters wandelten sich Stammbücher und Poesiealben. Nun waren es überwiegend junge Mädchen und Frauen, die diese Form der Freundschaftsbekundung zu schätzen wussten.

Die frühhumanistisch-romantisierend geprägten Widmungen bekamen nach und nach einen moralisch-belehrenden Hintergrund: Das Poesiealbum füllte sich nun oftmals mit Ratschlägen für ein gutes Leben im christlichen Sinn. In diesem Zusammenhang mischt sich der romantisierende Aspekt oftmals auch mit christlichem Symbolgehalt. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Zeitschrift „Gartenlaube“ als erbaulich-rührselige Familienlektüre weit verbreitet; auch die Romane von Hedwig Courths-Mahler, die im bürgerlichen Milieu begeistert gelesen wurden, haben einen sentimentalen Zug, der bis zur Rührseligkeit reichte und oftmals in reinen Kitsch mündete. Davon blieb auch das Poesiealbum nicht unbeeinflusst.

Im Lauf des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts kamen zu den Zeichnungen oft auch Öldruck-Bildchen, um den Sinnspruch entsprechend zu illustrieren. Und doch behielt das Poesiealbum seinen Stellenwert und überdauert dadurch alle Moden. So persönlich diese Büchlein verfasst waren, so wichtig war es auch, anderen aus dem Freundes- oder Familienkreis zeigen zu können, wie viele schön gestaltete Einträge das Album aufzuweisen hatte. Lehrerinnen und auch Lehrer gaben darin Kindern Weisheiten und gute Ratschläge mit auf den Lebensweg. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ lautet etwa einer der weitverbreiteten Sinnsprüche und auch der Klassiker „Rosen, Tulpen, Nelken, alle drei verwelken; Stahl und Eisen bricht, aber meine Freundschaft nicht“, der sich in einem Poesiealbum aus dem Jahr 1929 findet, ist in ähnlicher Form in vielen anderen Alben enthalten.

Ein schön gestaltetes Poesiealbum mit Zeichnungen oder getrockneten Blumen war ein Gegenstand wertvoller Erinnerungen, drückten sich gerade darin doch die Wertschätzungen jener Menschen aus, denen man selbst besonders nahestand. Kein Wunder also, dass es immer ein Privileg war, sich darin schriftlich verewigen zu dürfen. Und weil das Poesiealbum einen doch sehr persönlichen Gegenstand darstellte, konnte man es mittels eines daran befestigten Schlosses und eines kleinen Schlüssels verschließen. Sein Inhalt war schließlich nicht für jedermann gedacht. Auch heute noch erfreut sich das gebundene Poesiealbum einer gewissen Beliebtheit. Denn es existiert in elektronischer Form weder als App noch als persönliche Homepage, und auch die Einträge auf einer eigenen Facebook-Seite können den besonderen Reiz eines Poesiealbums nicht wettmachen.

www.volkskundemuseum.at

Denk an mich! Stammbücher und Poesiealben aus zwei Jahrhunderten, Österreichisches Museum für Volkskunde, Laudongasse 15–19, 1080 Wien, Ausstellung bis 22. 11. 2015 geöffnet

Thomas Kahler, Ärzte Woche 43/2015

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