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© Herve Champol / dpa
Eine Händlerin in der Markthalle von Phnom Penh genießt ihr Mittagsessen. Es gibt frittierte Spinnen.
© maxppp/dpa

Insekten essen ist ein Tabu, das hierzulande noch zu brechen ist.

 
Leben 16. Oktober 2015

„Sie scheinen ziemlich fett zu sein“

Sind Insekten wirklich „the next big thing“ auf dem Food-Sektor? Eher das überübernächste.

Die Sorge um die Hungernden auf der Welt gebietet ein Umdenken. Der Fleischkonsum kann nicht auf dem momentanen Niveau bleiben. Die UN-Landwirtschaftsorganisation setzt sich seit Jahren für den Verzehr von proteinreichen Insekten ein. Entomophagie ist für Europäer interessant, vorerst vor allem als Futter für die Fisch-, Geflügel- und Schweinezucht.

Das Erstaunen und der wohlige Grusel, der den westlichen Gelehrten beim Anblick von Menschen befiel, die Insekten verspeisen, kann man auch Jahrhunderte später noch heraushören. Der Naturforscher Anders Sparmann, ein Schüler Linnés, besuchte in den 1770er-Jahren das Volk der Khoikhoi in Südafrika und beschrieb einen Einfall von Wanderheuschrecken. „Sie scheinen ziemlich fett zu sein. Die Hottentotten freuen sich über ihr Erscheinen. Wenn sie auch ihnen viele Pflanzen zerstören, so halten sie sich doch an ihnen schadlos, indem die Hottentotten die Heuschrecken in solchen Mengen essen, dass sie in wenigen Tagen fett und gesund davon werden.“ Auch Termiten und Läuse wurden verzehrt. Der deutsche Völkerkundler Peter Kolb, der um 1700 die Kapregion bereiste, vermerkte: „Ich habe viele hundert gesehen, die sich von dieser widrigen Speise bedienten.“

Ein globaler Trend zur Entomophagie ist daraus jedenfalls nicht entstanden. Mehr als 300 Jahre nach den Berichten der Naturkundler hat sich Verzehr von Spinnen, Mehlwürmern und Grillen in Europa immer noch nicht durchgesetzt. Was die europäischen Regierungen jetzt ändern wollen.

Novel Food

Mit Fleisch allein wird der Proteinbedarf der wachsenden Bevölkerung nicht zu decken sein. Die Alternative: Gegrillte Ameisen, Bohnen mit Heuschreckensoße und Insektenlarven wurden vor Kurzem den EU-Parlamentariern gereicht. Vor allem Grüne Abgeordnete waren enthusiasmiert. Doch Europas Volksvertreter sind spät dran.

Die Biologin Inge Keppert hat schon in den 1990er-Jahren Insekten verkostet. Über dem Campingkocher gegrillte Engerlinge waren die „Einstiegsdroge“. Im Thairestaurant probierte sie später gebratene Heuschrecken, die auch das Wiener Innenstadt-Pub „Crossfields“ anbietet (s.S.5). „Es kommt auf die Marinade an.“

Nicht allen fällt der erste herzhafte Biss in einen Chitinpanzer leicht. Kurier-Redakteurin Anita Kattinger hat ihre Feuertaufe zwar hinter sich gebracht und tapfer ihre ersten Larven verzehrt. Aber es brauchte einiges an Überwindung: Denn beim Anblick schwimmender Insekten in der Schüssel bekommt die Genussredakteurin heute noch eine Gänsehaut. „Wir Journalisten fragen nach der Zukunft unserer Ernährung. Als viel schwieriger erweist sich, selber einen Löffel mit der Zukunftsnahrung zu probieren.“ Ihr Fazit: „Kleine krabbelnde Tiere gehören nicht auf den Teller.“

Ernährungswissenschaftlerin HanniRützler, immer dem neusten Food-Trend auf der Spur, hegt ebenfalls Bedenken: „Insekten haben tolle Argumente in Sachen Nachhaltigkeit, Menge und Nährstoffen. Aber ähnlich wie beim In-vitro-Burger, dem ich im deutschsprachigen Raum keine rosige Zukunft prophezeie, sehe ich beim Essen von Insekten in den nächsten 20 Jahren große kulturelle Hürden. Sicher sind viele Foodys und Köche neugierig, aber unsere Küchen sind nicht sehr experimentell. Hier herrscht ein zu großer Ressourcenreichtum. Als Futtermittel könnten Insekten jedoch ein großes Thema werden.“

Soldatenfliegen-Larven

Die Ernährungs- und Gesundheitswissenschafterin Dr. Theres Rathmanner verweist auf Erfolge mit Insektenmehl bei der Fischzucht in der Schweiz. Dort hat das Forschungsinstitut für biologischen Landbau die nachhaltige Fischfütterung neu erfunden. Eine Forellenzucht in der Westschweiz verwendet für ihre Aquakulturen eiweißreiches Fliegenmehl statt Fische zur Fütterung. Verfüttert wird das letzte Larvenstadium der Soldatenfliege (Hermetia illucens). Die Verfütterung von Lebensmittelresten an die Fliegenlarven helfe überdies, wertvolle Inhaltsstoffe zu veredeln statt sie wegzuwerfen.

Völlig fremd ist den Europäern Insektennahrung freilich nicht. Zumindest vorerst nicht. Und dass die Europäer alles Neue ablehnen, kann man auch nicht behaupten. „Vor 30 Jahren aß kein Mensch in Europa Sushi. Jetzt isst jeder Sushi“, meint Jean-Gabriel Levon, dessen französisches Start-up „Ynsect“ Tierfutter aus Insektenmehl herstellt.

Laut Erhard Hinz, dem früheren Direktor der Abteilung Parasitologie des Hygiene-Instituts in Heidelberg stehen immerhin in zwölf europäischen Ländern 27 Insektenarten auf dem Speiseplan des Menschen.

Doch Insekten sind nicht nur eiweißreich, sie übertragen auch Parasiten. Zwergdarmegel etwa befallen als zweiten Zwischenwirt Libellen. In Südostasien stellen die Menschen den Libellen mit klebrigen Stöcken nach, um sie danach zu verspeisen. Mehrere Millionen Menschen sind in Nordost-Thailand mit Vertretern dieser Familie infiziert. Oder: Der Gurkenbandkernwurm ist als Parasit auf Hunden oder Katzen weltweit verbreitet. Es gibt einen dokumentierten Fall aus Österreich.

Zufällig verschluckt

Da aber die Zwischenwirte, Flöhe und Tierläuse, nicht auf dem regulären Speiseplan des Menschen stehen, sondern höchstens zufällig verschluckt werden, zählt der Befall nicht zu den durch Entomophagie ausgelösten Infektionen im engeren Sinn, erläutert Hinz in den Mitteilungen der Österreichischen Gesellschaft für Tropenmedizin (23/2001). Hierzulande schon vorgekommen ist ein Befall mit Gongylonema pulchrum, einem Fadenwurm, der als Zwischenwirt koprophage (kotfressende) Käfer und Schaben befällt. Aufgrund der geringen Verweil- und Überlebensdauer der Infektionsstadien in Insekten spiele die Übertragbarkeit auf den Menschen nur eine marginale Rolle, meint Hinz.

Und wenn man bedenkt, dass Viehzucht eines der größten Umweltprobleme darstellt, könnten essbare Insekten also doch die Antwort auf die Frage sein: „Wie werden wir alle satt“ (s.S.6).

Martin Burger, Ärzte Woche 42/2015

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