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© Deutsches Literaturarchiv Marbach/Foto: Dephot Kessler
Erich Kästner während der Rundfunkübertragung von „Emil und die Detektive“, Berlin 1930
© Deutsches Literaturarchiv Marbach/ Photograph. Anstalt Karsch Nachf.

Mit keckem Blick und äußerst selbstbewusst: Erich Kästner als Schüler, 1907

© Deutsches LiteraturarchivMarbach/Foto: Paul Beyer

Zeit für eine Zigarette: Kästner in Berlin, 1927

© Deutsches Literaturarchiv Marbach

Erich Kästner am Schreibtisch in der ersten eigenen Wohnung in der Roscherstraße in Berlin, 1932

 
Leben 18. Oktober 2015

Plädoyer für die Menschlichkeit

Kaum ein deutscher Autor war in so vielen Genres versiert wie der gebürtige Dresdner Erich Kästner. Die Ausstellung „Gestatten, Kästner!“ im Literaturhaus München beleuchtet auch Kästners weniger bekannte Seiten.

Erich Kästner hat als vielseitiger Schriftsteller das 20. Jahrhundert vom Beginn bis zu seinem Tod 1974 samt den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen durchlebt: Gefeiert, verfemt und schließlich international hoch geachtet, hat er deutsche Literaturgeschichte geschrieben. Seine kritische Haltung ist bis heute beispielhaft.

Mit nur 17 Jahren wurde der 1899 in Dresden geborene Erich Kästner zum Militär einberufen und diente im Ersten Weltkrieg bei der schweren Artillerie. Durch das Kriegserlebnis wurde Kästner zum überzeugten Anti-Militaristen. Er selbst war jedoch kein Moralist, der warnend den Finger erhob. Es sind die unterschiedlichen Ausprägungen des menschlichen Charakters, verbunden mit einer äußerst präzisen Beobachtungsgabe, die ihm Stoff für seine literarische Arbeit lieferten. Nach dem Abitur und dem Besuch eines Lehrerseminars wurde Erich Kästner zunächst Redakteur der Neuen Leipziger Zeitung, später auch für das Berliner Tageblatt, die Vossische Zeitung und Die Weltbühne. Dies war jedoch nur der erste Schritt dieses kritischen Geistes in die spätere Schriftstellerkarriere.

Faszinierendes Berlin

Nach der Übersiedlung 1927 in die pulsierende Metropole Berlin schrieb Kästner Theaterkritiken und widmete sich Milieustudien, in denen er lebhafte Impressionen des Alltags vermittelte. Anders als Franz Hessel, der als Flaneur das mondäne Berliner Leben literarisch verewigte, skizzierte Kästner Eindrücke, die trotz der einsetzenden wirtschaftlichen Depression das Großstadtleben in all seiner Vielfalt illustrierten. Seine Haltung war – ähnlich der Kurt Tucholskys – durchaus nicht unkritisch, er scheute sich nicht, das, was ihm auf- und missfiel, ungeschönt beim Namen zu nennen.

Der Realismus seiner Erzählungen ist dabei immer zeitgemäß; die Protagonisten seiner Romane – seien es Kinder oder Erwachsene – müssen sich den Gegebenheiten, mit denen sie konfrontiert werden, stellen und damit zurechtkommen. Das ist etwa auch bei „Emil und die Detektive“ so, worin Erich Kästner Courage und spannungsgeladene Dramatik aufeinandertreffen lässt. Zahlreiche Verfilmungen dieses Stoffes zeigen, wie zeitgemäß diese Geschichte auch heute noch wirkt. Kästner ist damit durchaus mit Charles Dickens verwandt, der ähnlich zeitkritisch-realistisch und dennoch mit großer Menschlichkeit seine Geschichten entwickelte. Mit seiner literarischen Arbeit – wie etwa der Lyrik, die er geschickt über seine „Versfabrik“ mit Hilfe seiner Sekretärin in Umlauf brachte – hatte Kästner schon bald Erfolg. „Wenn ich 30 Jahr bin, will ich, daß man meinen Namen kennt. Bis 35 will ich anerkannt sein. Bis 40 sogar ein bißchen berühmt. Obwohl das Berühmtsein gar nicht so wichtig ist. Aber es steht nun einmal auf meinem Programm“, so Erich Kästner in einem Brief an Ida Kästner vom 26. 11. 1926.

Berühmt und verfemt

Anfang der 1930er Jahre war Kästner literarisch ungeheuer produktiv: Zunächst erschien „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“, in dem Kästner den Fall der Weimarer Republik literarisch verarbeitete, dann „Pünktchen und Anton“, beides mit Illustrationen von Walter Trier. 1933 folgte „Das fliegende Klassenzimmer“. Im gleichen Jahr wurde Erich Kästner Zeuge der von Joseph Goebbels angeordneten Bücherverbrennung, in der auch seine Bücher verbrannt wurden. In Berlin, das dem gebürtigen Dresdner zur Heimat geworden war, erlebte er die Reichskristall-Nacht und hielt das Erlebnis in einem kurzen, beklemmenden Text fest. 1934 erschien „Drei Männer im Schnee“, dies allerdings in einem Schweizer Verlag, denn für Erich Kästner gestalteten sich die Arbeitsbedingungen fortan immer schwieriger.

Im Unterschied zu Kurt Tucholsky ging er, obwohl vom Berufsverbot in diesen dunklen Jahren bedroht und letztlich regelrecht am Arbeiten gehindert, nicht in Emigration. Projekte und Vorhaben, die in dieser Zeit auf den Weg gebracht wurden, scheiterten oder verzögerten sich erheblich: Aus dem Autor von Weltruhm war ein Verfemter geworden. Manche seiner Texte erschienen unter Pseudonymen, so auch das Drehbuch zum Film „Münchhausen“.

In diesen dunklen Jahren war Kästner voller Selbstzweifel angesichts dessen, was nahezu unaufhaltsam auf Deutschland als seinem Heimatland zukam. Nach der Bombardierung Dresdens wurde Erich Kästner zum Chronisten des Verlorenen: Aus seiner Erinnerung heraus schilderte er die Erschütterung und den tragischen Verlust, den die Stadt an Menschenleben und unwiederbringlichem Kulturgut erlitten hatte. Der alte Glanz erstrahlt in seinen Worten noch einmal, so als ob man ihn durch die Erinnerung, mag sie auch noch so schmerzlich sein, begleiten würde, um einen letzten Blick auf Vergangenes zu werfen.

1949 erschienen „Die Konferenz der Tiere“ und „Das doppelte Lottchen“ wieder mit Illustrationen von Walter Trier. 1955 wurde „Drei Männer im Schnee“ nach dem gleichnamigen Buch Erich Kästners unter der Regie von Kurt Hoffmann in Kitzbühel verfilmt. Doch Erich Kästner blieb auch im Nachkriegsdeutschland eine kritische Stimme: Während des Wiederaufbaus waren seine Texte Mahnung und Ansporn, Kästner blieb für die Nachkriegsgeneration äußerst aktuell. Längst zählen seine Bücher und Gedichtbände zu den Klassikern deutscher Literatur des 20. Jahrhunderts. Selbst im „Der kleine Grenzverkehr oder Georg und die Zwischenfälle“, in dem der aus Deutschland kommende Protagonist 1937 die Salzburger Festspiele besuchen möchte – was eine komödienhafte Geschichte voller Irrungen und Wirrungen auslöst – wird deutlich, auf welcher Seite Erich Kästner steht: Nämlich auf der all jener, die ein untrügliches Gespür für Gerechtigkeit und Menschlichkeit haben.

„Gestatten, Kästner“

Literaturhaus München bis 14. 2. 2016

www.literaturhaus-muenchen.de

Thomas Kahler, Ärzte Woche 42/2015

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