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Insekten – unser Essen der Zukunft? Regisseur Valentin Thurn probierte es in Thailand für seinen Film „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt“ aus.
 
Leben 12. Oktober 2015

Mittags Maden, Läuse zum Lunch?

Dass Insekten die Ernährungsprobleme der Welt lösen, ist zunächst eine Vermutung. Eine, gegen die einiges spricht.

Die Welternährungsorganisation FAO setzt große Stücke auf Insektennahrung im Kampf gegen den Hunger in der Welt. Gegen einen internationalen Siegeszug der Entomophagie spricht der Trend zu Geflügel in den großen Schwellenländern und die ungeklärten Probleme bei großindustrieller Haltung.

„Wir können noch so viel erzeugen, wenn es zu teuer wird, bringt es nichts. Das sagte der deutsche Dokumentarfilmer und „Food Fighter“ Valentin Thurn im vergangenen Juni bei einem Wien-Besuch. Ein gutes Argument für Entomophagie-Kampagne der FAO. Deren Argumente: Insekten können direkt und einfach in der Natur gesammelt werden. Der technische und finanzielle Aufwand für die grundlegende Ausstattung für Ernte und Zucht ist relativ gering. Außerdem können Insekten von den Ärmsten der Gesellschaft, wie z. B. Frauen, und Grundbesitzlosen in urbanen und ländlichen Gegenden, in der Wildnis gesammelt, kultiviert, verarbeitet und verkauft werden. Diese Tätigkeiten können die Ernährung verbessern und ein finanzielles Einkommen durch Verkauf der überschüssigen Produktion auf der Straße liefern. Insektenernte und –zucht kann unternehmerische Chancen in entwickelten Ländern, Schwellenländern und Entwicklungsländern liefern.

Die Praxis sieht folgendermaßen aus: In Kenia werden Grillen in Plastikeimern gezüchtet, unter Verwendung simpler Arbeitsgeräte wie Untertasse und Baumwolle als Tränke und gefaltetem, gebrauchten Karton, um Kletter- und Versteckmöglichkeiten für die zum Verzehr bestimmten Grillen zu schaffen.

Das ist auch eine Zukunft der Ernährung, wie sie sich Valentin Thurn vorstellen kann: regional und unabhängig von den Geschäftsinteressen der Agrarkonzerne und Börsianer und je nach Land und Entwicklungsstand mit ganz unterschiedlichen Produktionsweisen. Malawi, Kenia oder Kamerun brauchen eine andere Landwirtschaft als Holland, Deutschland oder Österreich. Es liege an den Konsumenten, den Wandel voranzutreiben, „mit jedem einzelnen Einkauf“, sagt Thurn gegen Ende seines Films.

Der umweltfreundlichen, gesunden und sozial verträglichen Vision steht ein Trend entgegen, den Thurns jüngstes Filmwerk nicht verschweigt. Die wahren Trends werden in den Schwellenländern gesetzt, schreibt die Zeit, dort wo der Markt für billiges Hühnerfleisch rasant wachse, so wie in Indien. Bangaruswami Soundararajan, Vorstandsvorsitzender von Saguna Chicken, der größten Geflügelfabrik Indiens verkündet im Film mit sichtlichem Stolz: „Wir wachsen um 20 Prozent pro Jahr. Aber wir haben noch viel vor uns. Ich hoffe, dieses Wachstum setzt sich in den nächsten 20 bis 25 Jahren fort.“

Berge von Salat

Um eine Veränderung im Weltmaßstab voranzutreiben, müssten Unternehmen Insekten für den menschlichen Verzehr industriell halten. „Wenn man Insekten im industriellen Maßstab züchtet, bedeutet das Abermillionen von Tiere auf engstem Raum – was den Einsatz von Medikamenten sehr wahrscheinlich macht. Wir wissen nicht, von welchen Krankheiten diese Tiere alle befallen werden und welche Hygieneprobleme wir uns bei einer Massenproduktion einfangen“, wird Professor Dr. Wilhelm Windisch vom Lehrstuhl für Tierernährung an der TU München in der Welt zitiert. Insekten brauchen, wie andere Lebewesen auch, hochwertige und hygienisch einwandfreie Nahrung, damit sie wachsen und gedeihen. Erst dann kommen sie aus der Sicht der Lebensmittelsicherheit überhaupt als potenzielle Nahrung für den Menschen in Frage. „Wahrscheinlich müsste man Berge von Salat anbauen. Es wäre dann wohl effizienter, diesen Salat gleich selbst zu essen“, meint Windisch.

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