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Zu den bekanntesten Büchern von Wolfgang Rabitsch zählt „Aliens“ über die verhängnisvolle Verbindung zwischen Neobiota und Klimawandel.Umweltbundesamt
 
Leben 12. Oktober 2015

„Es gibt vermehrt Überlegungen, Insekten als Tierfutter zu produzieren, für die Geflügelzucht und in der Aquakultur“

3 Fragen, 3 Antworten

Die kulinarische Nutzung von Insekten ist für 2 Milliarden Menschen Alltag. Bei uns wird die Entomofauna als Ressource für Tierfutter immer interessanter. Als Nahrungsmittel bleibt sie wohl noch auf einige Zeit Randerscheinung. Das sagt der Invasionsökologe Dr. Wolfgang Rabitsch, Spezialist für Insekten am Umweltbundesamt in Wien.

Ist in Europa eine großindustrielle Herstellung von Insektennahrung vorstellbar?

Rabitsch: Genau darüber wird jetzt nachgedacht. Entomophagie ist ein hochaktuelles Thema. Auch die FAO (Anm.: Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) und die EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) beschäftigen sich schon länger damit. In China und anderen asiatischen Ländern, in afrikanischen Ländern wie Botswana stehen Insekten traditionell am Speiseplan der Menschen. Mehr als 1.000 Insektenarten kommen dafür in Frage. In erster Linie sind das Käfer, Heuschrecken, aber auch Zikaden, Termiten, Ameisen und Schmetterlinge. Im europäischen Kulturkreis wird sich das Essen von Insekten vermutlich nicht so rasch durchsetzen. Es gibt aber vermehrt Überlegungen Insekten als Tierfutter zu produzieren, für die Geflügelzucht und in der Aquakultur.

Welche Insektengruppen sind für die kommerzielle Zucht überhaupt interessant?

Rabitsch:Das sind vor allem Fliegen, die eine extrem schnelle Reproduktion aufweisen. Im Gegensatz zu größeren Tieren kann man Fliegen relativ rasch in großen Mengen produzieren. Eine vielversprechende Art ist zum Beispiel die Soldatenfliege Hermetia illucens, die angeblich nach einer Mischung aus Nüssen und Fleisch schmeckt. Auch unsere Stubenfliege wäre ein guter Kandidat. Ein eiweißreiches Mehl aus den getrockneten Larven von Fliegen wird in der Schweiz erfolgreich in der Fischzucht eingesetzt. (Anm.: von der Firma New Valfish in der Westschweiz). Ein verfolgenswerter Ansatz, jährlich werden 20 Millionen Tonnen Fisch zur Fütterung von Zuchtfischen aus den Meeren geholt und als Fischmehl verfüttert, was die Überfischung verschärft.

Gibt es hierzulande Insekten, deren Biomasse ähnlich wie bei den afrikanischen Wanderheuschrecken so groß ist und die in so großer Zahl auftreten, dass sie als Nahrungsmittel auch hierzulande in Frage kommen würden?

Rabitsch: In der heimischen Entomofauna gibt es zwar hin und wieder Massenauftreten von bestimmten Arten, wie z. B. starke Maikäferjahre (Anm. Heuer machten sich auffällig viele der Käfer, die Bäume kahl fressen können, in Teilen Europas zum Hochzeitsflug auf) – aber für eine wirtschaftliche Nutzung sind diese Ereignisse zu selten.

Dr. Wolfgang Rabitsch ist einer der Kuratoren der neuen Ausstellung „Weltenbummler. Neue Tiere und Pflanzen unter uns“ am Universalmuseum Joanneum in Graz. Die Eröffnung ist am 5. November. Die Ausstellung dauert bis 8. Jänner 2017.

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