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© Konrad Theiss Verlag
 
Leben 5. Oktober 2015

„Ich sende dir eilig einen Kurier“

Simon Garfield hat ein anekdotenreiches Buch übers Briefe schreiben verfasst, er nimmt Anleihen bei Napoleon und Wilde. Unterzeile

Einen Brief zu erhalten – per Post – ist für Autor Simon Garfield ein unerwartetes Glück. Sein neues Buch ist eine Hommage über die Liebe zum Wort.

Wer hats geschrieben? Eine Vorahnung des Unheils bedrückt mich. Ich sehe Dich nicht länger. Ich habe mehr als das Leben, mehr als das Glück, mehr als meine Ruhe verloren. Ich bin beinahe ohne Hoffnung. Ich sende Dir eilig einen Kurier. Er wird nur 4 Stunden in Paris bleiben und mir dann Deine Antwort bringen. Schreib mir zehn Seiten. Das allein kann mich ein wenig trösten. Du bist krank, Du liebst mich, ich habe Dich unglücklich gemacht, du bist bei anfälliger Gesundheit und ich sehe Dich nicht! dieser Gedanke überwältigt mich. Der wortgewaltige, paranoide Napoleon hatte diese Zeilen im Juni 1796 geschrieben, drei Monate nach der Hochzeit mit Joséphine, nachdem er haufenweise Österreicher getötet hatte und durch Mailand, Verona und Neapel gestürmt war.

Während Napoleon schreibt, toben im Hintergrund die Schlachten, marschiert die Garde furchtlos durchs Kartätschenfeuer, er fegt Gegner um Gegner beiseite, doch Joséphine hat Macht über ihn, macht ihm Angst, er fragt sich, ob sie sich nicht schon mit anderen trifft. Schon zwei Tage bin ich ohne Brief von Dir. Ich machte heut schon dreißigmal diese Beobachtung. Du fühlst, dass das Jahr traurig ist, aber Du kannst Dir meine zärtliche und einzige Besorgnis nicht vorstellen. Als er die Feder senkt und vors Zelt tritt, blickt er auf die rauchenden Ruinen von Mantua. Einen Widerspruch zwischen seinen sehnsüchtigen Worten und seinen sonstigen Taten erkennt er nicht. Das Schauspiel war schrecklich und imposant, meint er lediglich.

Das waren Zeiten! Der Schriftsteller Oscar Wilde war dermaßen genial und mit Genialsein beschäftigt, dass er keine Zeit hatte zum Postamt zu gehen. Er pickte eine Marke auf sein Schreiben und warf die Blätter aus dem Fenster. Er war sich dann einigermaßen sicher, dass irgendein Passant den Brief sah, annahm, dass ihn jemand aus Versehen hatte fallenlassen, und ihn in den nächsten Briefkasten warf.

Simon Garfield: Briefe! Ein Buch über die Liebe in Worten, wundersame Postwege und den Mann, der sich selbst verschickte. Theiss Verlag 2015. 520 S. Preis: € 30,80. ISBN 978-3-8062-3175-5.

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