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Leben 28. September 2015

Märchen für Demenzkranke

Das strukturierte Erzählen ruft positive Verhaltensweisen wach. Das Lieblingsmärchen ist für viele „Die Bremer Stadtmusikanten“.

Professionell erzählte Märchen helfen offenbar schwer Demenzkranken. Das belegt eine Berliner Studie. Durch das strukturierte Erzählen kommen die pflegebedürftigen Demenz-Patienten zur Ruhe, konzentrieren sich auf den Moment und unterbrechen ihr sonst übliches herausforderndes Verhalten.

Für die Studie der Berliner AliceSalomon-Hochschule (ASH) wurden in den vergangenen drei Jahren bundesweit 110 Märchenstunden in Pflegeeinrichtungen mit professionellen Erzählerinnen organisiert. Die Reaktionen von 30 Zuhörern waren mit einer Videokamera aufgezeichnet und ausgewertet worden. Ergänzend waren die beteiligten Erzählerinnen, Leitungs-, Pflegekräfte und Betreuer befragt worden. Jeder zweite der beobachteten Teilnehmer habe sich aktiv auf das Geschehen eingelassen, mehr als zwei Drittel erlebten die Veranstaltung „erkennbar als positiv“. Die Märchenstunden aktualisieren offenbar frühere Verhaltenskompetenzen. Jene Pflegebedürftigen, die im Alltag eher apathisch und zurückgezogen sind, verfolgten aktiv und freudig die Erzählungen. Andere, die beständig „Hallo“ rufen oder dauernd laufen, unterbrachen dieses Verhalten und kamen zur Ruhe.

Diane Dierking, Projektleiterin bei der Märchenland GmbH und Pflegewissenschaftlerin, ist überzeugt, dass über die Märchenstunden nahezu alle Menschen mit Demenz oder Alzheimer erreicht werden können. So seien unter den Zuhörern alle Berufe und Schichten vertreten gewesen, der jüngste Teilnehmer war 56 Jahre alt, der älteste 99 Jahre.

Ausbildung im Märchenerzählen

Auch die beteiligten Pflegeeinrichtungen loben das Projekt und sehen darin vor allem eine Entlastung der Pflegekräfte, die rund um die Uhr mit dem herausfordenden Verhalten der Demenzpatienten konfrontiert sind. Wurde das Vorhaben vielleicht zu Beginn ein wenig belächelt, so zeigen die Studienergebnisse, dass es sich lohnt, andere Wege zu gehen. So zeigte sich auch der Geschäftsführer der Berliner Agaplesion Bethanien Diakonie von diesem Projekt überzeugt und kündigte an, seine Mitarbeiter an der ASH im Märchenerzählen ausbilden zu lassen.

Die Pflegewissenschaftlerin Diane Dierking hat darüber hinaus die Erfahrung gemacht, dass „Die Bremer Stadtmusikanten“ für viele Demenzkranke zu ihren Lieblingsmärchen gehören. Mit der Geschichte von den vier betagten Tieren, die aus ihrem Zuhause vertrieben wurden und in einem Räuberhaus wieder heimisch werden, können sich viele der Alten- und Pflegeheimbewohner identifizieren, vermutet Dierking. Sie habe oft beobachtet, wie die Demenzkranken sich in die Geschichten versenkten und für einige Minuten bis wenige Stunden aus ihren Verhaltensschemata ausstiegen. Unruhige Dauerläufer blieben sitzen und hörten zu. Jene, die andauernd kauten und schmatzten, seien plötzlich in der Lage gewesen, sich zu entspannen.

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