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Schön und zweckmäßig: Funktionale Eisenwendeltreppe, welche die beiden Etagen miteinander verbindet.

Das Zimmer von Fritz Tugendhat mit rekonstruiertem Interieur, das dem Wunsch nach Schlichtheit entspricht.

Die Ausstattung wurde nach zeitgenössischen Abbildungen rekonstruiert: Blick aus dem Wohnraum inden Garten.

Der Wohnraum mit der Onyxwand als beherrschendem Raumteiler, dahinter halbkreisförmige Trennwand zur Bibliothek aus Makassar-Ebenholz.

© David Židlický (5)

Ikone der Moderne: Die Villa Tugendhat von der Gartenseite aus gesehen mit ihren großen, versenkbaren Fenstern.

 
Leben 14. September 2015

Meisterstück mit Noblesse

Die Annäherung an eine Architektur-Ikone ist nicht immer leicht, aber meist lohnend. Die Villa Tugendhat im Norden von Brünn ist solch ein Fall. Die Begegnung mit ihr ist ein faszinierendes Erlebnis.

Das Textilunternehmer-Ehepaar Fritz und Grete Tugendhat gab Mies van der Rohe als Architekt freie Hand bei der Planung. So entstand in den Jahren 1929 bis 1930 ein Villengebäude, das heute weltweit als Klassiker der Moderne gilt und mittlerweile auch zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.

Die erste Begegnung des Autors mit der Villa Tugendhat verlief zunächst recht unspektakulär: Kurz nach der „Wende“, anlässlich einer Fahrt nach Brünn. Noch dazu im Februar, grundsätzlich nicht der ideale Zeitpunkt für Städtetouren. Im Zentrum von Brünn haben etliche qualitätvolle Beispiele der modernen funktionalistischen Architektur der 1920er und 1930er Jahre die darauffolgenden wechselhaften Jahrzehnte überdauert. Dazu zählen etwa einige Bauten von Bohuslav Fuchs wie das Hotel Avion (1927), oder das leider nur in einer Rekonstruktion erhaltene Café Zeman (urspr. 1925) sowie die Pavillons auf dem Brünner Ausstellungsgelände.

Über die Jahrzehnte hinweg wurde für die Erhaltung dieses architektonischen Erbes in Brünn gesorgt. Auch war die Villa Tugendhat, wie die in Wien beheimatete Architekturhistorikerin Iris Meder anmerkt, nicht der erste architektonische Paukenschlag der Moderne in Brünn. Die äußerst qualitätsvollen Villen im Masaryk-Viertel, westlich vom Stadtzentrum auf einem Hügel über dem Stadtteil Pisárky (Schreibwald) gelegen, sind dafür eindrucksvolle Beispiele.

Die Villa Tugendhat nahm jedoch von Anfang an eine Sonderstellung ein und gilt bis heute als eine der Ikonen der Moderne. Dennoch war der erste Eindruck, den dieses berühmte Bauwerk an diesem grauen Februartag hinterließ, eher ernüchternd, denn spektakulär wirkte die zur Straßenseite liegende Fassade der Villa Tugendhat zunächst keineswegs. Das sollte sich beim Gang durch die Innenräume jedoch grundlegend ändern. Die äußere Schlichtheit – soviel wird einem im Inneren klar – diente nobler Zurückhaltung, welche den Auftraggebern ein Anliegen war. Nach Außen hin sachlich gestaltet, eröffnet sich im Inneren ein repräsentatives Domizil, dessen einzelne Räume mit exklusiven Materialen akzentuiert wurden.

Der Architekt und seine Auftraggeber

Die Auftraggeber dieser Villa, Fritz Tugendhat und seine Frau Grete, geborene Löw-Beer, stammten beide aus Brünner Textil-Dynastien; die Familien zählten seit Generationen zum Brünner Bürgertum. Warum die grundsätzliche Entscheidung auf ein sachlich funktionales Domizil fiel, daran erinnerte sich Grete Tugendhat später folgendermaßen: „Ich habe mir immer ein geräumiges, modernes Haus mit klaren einfachen Formen gewünscht. Mein Mann war geradezu entsetzt von dem Gedanken an Zimmer, die voller Objekte und Deckchen waren, wie er es aus seiner Kindheit kannte“. Über den Kunsthistoriker Eduard Fuchs, der die von Mies van der Rohe entworfene Villa Perl bewohnte, und Lilly Reich, der damaligen Lebensgefährtin van der Rohes, ergab sich der Kontakt zu dem bereits international renommierten Architekten. Zur selben Zeit, wie der deutsche Pavillon für die Weltausstellung in Barcelona entstand, begann schließlich die Projektierung der zweigeschossigen Villa Tugendhat in Stahlskelett-Bauweise in Hanglage. Von deren Gartenseite blickt man über das Zentrum von Brünn. Bemerkenswert war und ist dabei die Verwendung edler Materialien, wie eben jener für die „Onyxwand“ (eigentlich Aragonit aus Marokko) und Makassar-Ebenholz für die geschwungene Bibliotheks-Trennwand oder Palisander für die Einbauschränke in den Elternschlafzimmern. Weißes DLW Linoleum wurde als Bodenbelag in den Hauptwohnräumen und den Schlafzimmern verlegt. „Mies van der Rohe wollte den Boden als solide Oberfläche ausgeführt haben, was bei Parkett nicht der Fall ist. Die weiße Farbe wirkte zusätzlich neutral (...). Ich muss allerdings zugeben, dass er ziemlich schmutzempfindlich und sehr pflegeintensiv war“, erinnerte sich Grete Tugendhat.

Mies van der Rohe hatte damit zwar ein repräsentatives Meisterwerk geschaffen, aber wie im Verlauf der Besichtigungstour erwähnt wurde, die damals noch durch die unrestaurierten Innenräume führte, war das Verhältnis von Architekt und Auftraggebern bei aller Übereinkunft nicht ganz spannungsfrei. Wenn Mies van der Rohe sich zu einem Besuch ankündigte, musste dafür gesorgt werden, dass der Flügel aus dem Wohnzimmer/Studierzimmer verschwand, da er ihn als extrem störend in der sonst klaren Struktur des Raumes empfand.

Acht Jahre lebten die Tugendhats in der Villa mit ihren drei Kindern Hana, Ernst und Herbert. Nach der erzwungenen Emigration 1938 in die Schweiz wurde die einst noble Fabrikanten-Villa beschlagnahmt und diente während des Krieges Walter Messerschmidt, dem Direktor der Klöcknerwerke in Brünn, als Büro und Wohnung. Nach Ende des Krieges schwer verwüstet, wurde sie zunächst notdürftig instand gesetzt und in den 1960er Jahren dem in der Nähe liegenden Kinderspital als Rehazentrum angegliedert. Das Originalmobiliar, wie etwa die berühmten Barcelona-Chairs, überdauerte nicht, nur die mächtige Onyxwand im Wohnzimmer und der Blick über die Brünner Altstadt blieben erhalten.

Späte Rettung

Bei dem bereits erwähnten ersten Besuch waren die umfassenden Sanierungs- und Renovierungsarbeiten noch nicht begonnen worden, die Villa Tugendhat befand sich in einem etwas mitgenommenen Zustand: Bauschäden, die über die Jahrzehnte entstanden waren, wurden erst im Zuge der umfassenden und 2012 beendeten Renovierung beseitigt. Grete Tugendhat kam im Jahr 1969 noch einmal nach Brünn zurück und gab dabei wertvolle Hinweise auf die Baugeschichte und das tägliche Leben in diesem außergewöhnlichen Haus. Heute vermittelt die Villa Tugendhat einen sehr guten Eindruck vom ehemaligen originalen Zustand, wenngleich die Diskussion um die Art und Weise der Erhaltung und Renovierung dieser Architektur-Ikone nach wie vor geführt wird. Wer einen Besuch einplant, der muss sich zudem in Geduld üben: Die Führungen sind derzeit auf etwa zwei Monate ausgebucht.

www.tugendhat.eu

Filmdokumentation auf DVD von Dieter Reifarth: Haus Tugendhat; 116 Minuten, Pandora Filmverleih 2013

Thomas Kahler, Ärzte Woche 38/2015

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