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Rätselhafte Bildgeschichte: Zwei Mädchen mit Hund,um 1900, anonym
© (5) Sammlung Thomas Kahler

Ein seltsames Paar: Mädchen mit Striezel, Steiermark, um 1920, anonym

Ein Bild, das Generationen umfasst: Großvater mit Enkel, um 1900, anonym

 
Leben 4. September 2015

Zu Zweit

Zwei sind ein Paar und drei einer zu viel: Doppelbildnisse in Porträtform erzählen immer mehr als nur eine Geschichte. Ein historischer Rückblick auf Fotografien aus dem 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Als Massenphänomen sorgen „Selfies“ seit einiger Zeit immer wieder für Schlagzeilen. Warum sich Menschen alleine und oftmals auch zu zweit fotografieren lassen, hat vielerlei Gründe. Anlass genug, sich dem Phänomen „fotografisches Selbstbildnis“ historisch anzunähern.

Narziss war der Erste, der seines Abbildes ansichtig wurde und sich in den, den er da sah, unsterblich verliebte. Bekanntermaßen ging seine Geschichte tragisch aus. Künstler, die sich selbst bildlich verewigten, teilten dieses Schicksal nicht. Der Zweck ihrer Selbstdarstellung hatte andere Gründe. Dürer, Rembrandt oder etwa auch Velázquez wählten das Selbstporträt als Stilmittel, um ihr persönliches und künstlerisches Selbstbewusstsein darin zu dokumentieren. Ein merklicher Anteil der eigenen Natur und des Charakters schwingt dabei immer mit. Das Porträt – gleich ob Selbstporträt oder Auftragsarbeit – hat, was den Porträtierten anbelangt, immer einen repräsentativen Charakter und umfasst somit mehrere Bedeutungsebenen.

Über Jahrhunderte hinweg war es überwiegend Herrschern vorbehalten, ihren umfassenden Herrschaftsanspruch auch dadurch anschaulich zu untermauern. Ende des 18. Jahrhunderts, und noch tiefgreifender im 19. Jahrhundert, wandelte sich das aufkeimende Selbstverständnis, und die fortschreitende Emanzipation des Bürgertums förderte die Porträtkunst: Man ließ sich also nun standesgemäß porträtieren. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die repräsentativen, großformatigen Familienporträts zwar nicht weniger, aber durch die Verbreitung der Fotografie wurden die kostengünstigen kleinformatigen Fotografien im „Carte de Visite“-Format äußerst populär. Dadurch konnte man das eigene Konterfei ohne großen Aufwand ablichten lassen und bei Bedarf ließ es sich ebenso leicht vervielfältigen.

Außer Einzelporträts, die als Daguerrotypien schon vermehrt Ende der 1830er Jahre entstanden, gab es bereits um 1860/70 vermehrt jene, auf denen Ehepaare oder auch Kinder paarweise abgebildet wurden. Meist handelte es sich dabei um arrangierte Studioaufnahmen. Manche wurden auch im größeren „Kabinettformat“ ausgearbeitet, damit sie in Alben oder gerahmt präsentiert werden konnten.

Gemeinsam vor der Kamera

Warum zwei Menschen sich zusammen auf einer Fotografie befinden, darüber kann man meist nur mutmaßen. Manchmal sind es intime Momente einer Zweisamkeit, die sich nur schwer – wenn überhaupt – erfassen und ergründen lässt. Familiäre Vertrautheit, Freundschaft, Zusammengehörigkeit spielen hier mit. Oft sind es nicht nur Elternpaare, sondern auch Mutter und Tochter oder verschiedene Generationen, welche unterschiedliche Lebensalter umfassen, wie etwa Großvater und Enkel, die auf diesen Bildern zu sehen sind. Zu spüren ist die Einigkeit und Gemeinsamkeit, das Zusammengehören, das – wenn möglich – nicht getrennt werden sollte. Und doch ist dabei auch immer klar, dass es sich nur um Momentaufnahmen handelt. Das Abbild dieser Paare zeigt immer nur einen kurzen Augenblick, der hier für die Nachwelt, also speziell für die Familienangehörigen oder den Fotografen, festgehalten wurde. Dieser ist zusammen mit der Kamera der unsichtbare Dritte.

Als Teil der Fotosammlung haben diese Aufnahmen nun ihren ursprünglichen Bedeutungsgehalt verloren und besitzen somit einen ganz anderen als den ursprünglich biografischen Bedeutungsgehalt. Die Namen der abgebildeten Personen sind meist unbekannt, handelt es sich um Privataufnahmen, bleibt auch der des Fotografen im Dunkeln. Nur im Fall von Berufsfotografen ist die Sache eindeutig: Deren Name und Anschrift ist auf den Karton-Passepartouts ersichtlich.

Viele mögliche Geschichten

Diese anonymen Fotos sind trotz der Darstellung der Porträtierten oft nur schwer zu entziffern. In welchem tatsächlichen Verhältnis die beiden darauf Dargestellten zueinander standen, bleibt völlig unklar, genauso wie ihre Namen oder der Ort, an dem das jeweilige Foto aufgenommen wurde. Einige Indizien, wie die Art der Kleidung, deuten zumindest auf ein städtisches oder ländliches Umfeld hin. An der Kleidung, die oft – wie im Falle der Tracht – auch ein deutliches Statusmerkmal ist, lässt sich zumindest ablesen, wann diese Aufnahmen entstanden sind. Die Identität der abgebildeten Personen bleibt für den Sammler im Dunklen.

Manchmal spielt auch die Freizeit- oder Arbeitswelt mit in die Fotografie hinein. Zwei Frauen im Kontor, ein Mann und seine Begleiterin, beide fesch zurecht gemacht auf einem Motorrad, zwei Mädchen mit Fahrrädern. Auch hier wird ein gewisser gesellschaftlicher Rang und damit Status repräsentiert. Es geht darum zu zeigen, dass man sich etwas leisten kann, oder dass man sich in einer guten, soliden Stellung befindet.

Der Grund, warum diese Bilder überhaupt gemacht wurden, lässt sich so zumindest etwas beleuchten. Und doch bleibt manches tatsächlich rätselhaft: Da gibt es dieses Foto zweier Mädchen auf einer Gartenbank, entstanden um 1900, beide hübsch geschmückt mit Schleifen im Haar: Die rechte hält einen jungen Hund in ihren Armen und trägt Schuhe und Strümpfe, die linke, die ebenso adrett herausgeputzt auf der Bank sitzt, hat weder Schuhe noch Strümpfe an.

Ein unauflösbares Rätsel, sind es Freundinnen oder Schwestern? Was sagt dieses Bild tatsächlich aus? Manches ist aber auch weit weniger kryptisch, so etwa jene stattliche, ländlich gekleidete Frau mit Pfeife und Hund: „Papas Köchin“ steht ungelenk geschrieben auf der Rückseite des Fotos vermerkt, das lässt zumindest darauf Rückschlüsse ziehen, warum sich die Porträtierte so selbstbewusst mit Hund und Pfeife zeigt. Die Fotos - soviel ist klar – erzählen jedes für sich Geschichten. Man muss sie nur zu lesen wissen.

Thomas Kahler, Ärzte Woche 37/2015

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