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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 31. August 2015

The Magical-Patient-Mystery-Tour

Große Aufregung gibt es um die Mystery-Patienten, die die schwarzen Schafe im weißen Kittel finden sollen.

An dieser Stelle wurde bereits vor Monaten ausführlich über das Wesen der Mystery-Patienten berichtet, die die Mediziner bei unlauteren oder schlampigen Handlungen in flagranti ertappen sollen. Und darüber, dass diese Entwicklung möglicherweise auch dazu führen wird, dass nun auch „Mystery-Ärzte“ ihre Patienten anonym überprüfen, „Mystery-Rettungen“ zu Unfällen geschickt werden oder über die Möglichkeit für die Ärztekammer, den Allgemeinmedizinern nun ein Diplom zur „Erkennung von Mystery-Patienten“ anzubieten.

Die Mystery-Idee ist Teil des von der Regierung geschnürten Pakets gegen Sozialbetrug. Schließlich ist die e-card heute am Schwarzmarkt begehrter als ein halbes Kilo Kokain, Fälscherringe basteln in Hinterhöfen an der Karte, statt an 50-Euro-Scheinen und Heerscharen behandlungswilliger, jedoch nicht behandlungsberechtigter Patienten lassen sich mit Schleppern in die Arztpraxen bringen, um gratis behandelt zu werden und auf Kur zu fahren. Im selben Aufwaschen soll gleich auch geprüft werden, ob der Arzt die Leistungen korrekt abrechnet oder er vorsätzlich nach einer durchgeführten Ohrenspülung in betrügerischer Weise auch die Position „Naseputzen“ angegeben hat.

Nun wird die Sache öffentlich, die Wiener Ärztekammer hat die vor dem Wahlkampf noch brachliegenden Werbeflächen genutzt und großformatige Bilder zum Thema angebracht: Ärzte sind auf Polizeifotos zu sehen, da sie „den Ausweis nicht verlangt“ oder eine Patientin fälschlich wegen Schmerzen behandelt hätten. So kennt man uns nicht, so möchte man uns auch nicht sehen. Denn wer will schon von Knastbrüdern und -schwestern behandelt werden? Die Kampagne zeigt also Wirkung, obwohl die Patienten etwas ratlos überlegen, ob sie ihre lieben Hausärzte unterstützen könnten, indem sie einfach bei Schmerzen lieber zum Apotheker gehen. Denn das gefällt den Ärzten ja noch weniger.

Die Agents provocateurs versuchen indes, mit allen Mitteln an einen Krankenstand zu gelangen: Kopfschmerzen, Müdigkeit, Burnout, Boreout, abgetrennte Gliedmaße oder sichere Todeszeichen – all das soll die Mediziner dazu verleiten, den Test-Patienten krankzuschreiben. Dann schnappt die Mystery-Falle zu. Allerdings leben wir in einer Zeit, in der sich die meisten Menschen tendenziell darum sorgen, ihren Arbeitsplatz behalten zu können und ein längerer Krankenstand gerne mal mit einer Kündigung endet. Das Vortäuschen einer Krankheit, um nicht arbeiten zu müssen, kann man daher ebenso ernstnehmen, wie die abgetrennte Gliedmaße. Hier beginnt die ärztliche Tätigkeit eigentlich erst richtig interessant zu werden.

Und wenn mal die „Mystery-Patienten“ bei ihrer Arbeit von „Mystery-Mystery-Patienten“ beobachtet werden, ob sie nun eine Krankheit vortäuschen oder ungerechtfertigterweise wirklich krank sind, dann ist das System perfekt.

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