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Eine ehrliche Aufteilung der Hausarbeit würde die Erfolgsaussichten auf Sex wahrscheinlich eher steigern als Psychopharmaka.
 
Leben 25. August 2015

Hast du Lust, Schatz?

Das Viagra für Frauen ist da: Die amerikanische Frauenbewegung jubelt – die Ärzte nicht.

Am 18. August wurde das Arzneimittel Flibanserin in den USA zugelassen. Dieses rezeptpflichtige Psychopharmaka soll Frauen, mit einem verminderten Sexualtrieb, auf die Sprünge helfen. Das eigentliche Problem wird dadurch aber nicht gelöst.

Die „Viagra für Frauen“ kann in den USA auf den Markt kommen. Die Arzneibehörde FDA in Washington hat zum ersten Mal ein luststeigerndes Präparat als Medikament zugelassen. Die Food and Drug Administration (FDA) genehmigte am 18. August das Arzneimittel Flibanserin, das unter dem Namen Addyi™ (Sprout Pharmaceuticals) auf den Markt kommen soll. Die rosa Pille soll die sexuelle Lust von Frauen wecken. Eine körperliche Stimulanz ist sie nicht.

„Die heutige Zulassung gewährt Frauen, die unter sexueller Unlust leiden, eine überprüfte Therapiemöglichkeit“, sagte FDA-Forschungsdirektorin Janet Woodcock. „Die FDA ist um den Schutz und die Förderung der Gesundheit von Frauen bemüht, und wir fühlen uns verpflichtet, die Entwicklung sicherer und effektiver Präparate zu unterstützen.“

Die Effizienz ist jedoch genau der Streitpunkt. Nach Untersuchungen, die auch die FDA veröffentlicht hat, kam es bei Frauen mit dem Wirkstoff zu einem halben bis einem Mal Sex mehr pro Monat als bei Frauen mit Placebo. Nebenwirkungen wie etwa Schwindel, Müdigkeit und Übelkeit, die während der klinischen Studie häufig auftraten, sind dem Entstehen von sexuellem Verlangen dann wohl doch nicht so zuträglich. Allerdings könnte dieses eine Mal mehr Sex im Monat für manche Paare einen Unterschied machen.

Frigidität oder sexuelle Gefühlskälte ist ein Problem für Millionen Frauen: Sie haben keine Lust auf Sex und empfinden keinen Spaß am Geschlechtsverkehr. Die Störung der Libido ist eine Belastung für viele Beziehungen, die oft psychotherapeutisch behandelt wird. Nach Angaben von Medizinern ist in Deutschland etwa jede dritte Frau betroffen. Ob und wann das Präparat nach Europa kommt, ist noch ungewiss. Mediziner gehen zudem davon aus, dass die Tablette nur zehn Prozent der Betroffenen hilft – was allerdings Millionen sein können.

Die Flibanserin wirkt weniger auf den Körper, denn auf die Psyche. Während Viagra und Co. bei Männern ein körperliches Problem anpacken und zu Erektionen verhelfen können, wirkt Flibanserin im Gehirn über die Rezeptoren der Botenstoffe Dopamin (gesteigert) und Serotonin (gehemmt). Das soll die Libido der Patientin anregen. Es geht also nicht um das Können, sondern das Wollen.

Das Psychopharmaka muss jeden Abend eingenommen werden, ob Sex geplant ist oder nicht. Aus der Sicht des Partners heißt das, man hat für den Rest der Tage eine sedierte Lebensgefährtin, die im Monat einmal mehr Sex will. Das Glas Rotwein zum Abendessen ist dann übrigens auch tabu, da das Medikament in Kombination mit Alkohol zu Ohnmacht oder niedrigem Blutdruck führen kann.

Flibanserin wurde vom deutschen Hersteller Boehringer Ingelheim entwickelt – als Mittel gegen Depressionen. Die luststeigernde Wirkung wurde erst später bekannt. Nach einem negativen FDA-Bericht gaben die Rheinland-Pfälzer das Projekt 2010 auf. Sprout Pharmaceuticals aus Raleigh im Bundesstaat North Carolina übernahm die Forschung, scheiterte aber 2013 ebenfalls an der US-Behörde.

Daraufhin gab es heftige Kontroversen zwischen Frauenrechtsgruppen. Die einen warfen der FDA Sexismus vor, weil sie Viagra zugelassen habe, nicht aber Flibanserin. Andere behaupteten, das Unternehmen missbrauche die Aktivistinnen, um ein noch nicht als sicher bewiesenes Präparat durchzudrücken.

Der Sexualwissenschaftler Prof. Dr. Jakob Pastötter hat vor einer zu positiven Einschätzung der Sexpille „Pink Viagra“ für die Frau gewarnt. „Die Wirkung ist gering. Wer will guten Gewissens sagen, dass diese Pille verlässlich funktioniert?“, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS) am 19. August der Nachrichtenagentur dpa. „Viele Frauen werden sie mit großen Erwartungen nehmen und dann merken: Da passiert ja gar nichts.“ Aus den Erfahrungen mit Viagra wüssten Sexualtherapeuten, dass die eigentlichen Probleme oft nicht medikamentös zu lösen sind.

PK/APAmed/dpa, Ärzte Woche 35/2015

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