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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 18. August 2015

Leisure Sickness

Im Urlaub macht Kranksein am wenigsten Spaß. So mancher Krankheit scheint das aber egal zu sein.

Da ist man gerade mal am Urlaubsort angekommen, hat die tiefkühlende Klimaanlage im Flieger ohne Lungenentzündung überstanden und selbst die Kost an Bord überlebt, beginnt im Inneren bereits jene Erkrankung zu keimen, die Experten als „Leisure Sickness“ beschreiben. Dabei handelt es sich um eine Erfindung zweier niederländischer Psychologen, die beobachteten, dass Menschen immer dann gesundheitlich scheitern, wenn es ihnen eigentlich am besten gehen müsste: am Wochenende, im Urlaub, ja vielleicht sogar in der Kaffeepause.

Gerade, wenn man seine Hängematte zwischen Dattelpalme und Kühlschacht der Hotelanlage gespannt hat, treten Müdigkeit, Infektionen und Schmerzen auf, statt der im Urlaub eigentlich erwünschten Sonnenbrände, Lebensmittelvergiftungen und Geschlechtskrankheiten. Warum es erst mit dem Abfallen des hohen Stresspegels in der Arbeitszeit zu den Symptomen kommt, ist nicht ganz klar: Vielleicht macht unser, durch Cortisol zuvor auf Sparflamme gehaltenes Immunsystem erst dann Ramba-Zamba im Körper, wenn es im Liegestuhl sitzt; vielleicht sinkt der hohe Stresspegel auch im Urlaub nicht ab, weil die vertrottelten Leute am Strand sich keineswegs von den vertrottelten Leuten in der Firma unterscheiden; vielleicht bemerkt man seinen Körper aber auch erst dann, wenn auf der griechischen Insel das Internet abgedreht wurde, da die Einwohner die Schulden bei Google nicht beglichen haben.

Als Extremform dieser Störung könnte man hier das „Paradise-Syndrome“ anführen, bei denen Menschen in einer perfekten Situation, die sie sich immer herbeigesehnt haben, unzufrieden und deprimiert fühlen. Es wäre äußerst bedauerlich, wenn dieser Zustand auch posthum auftritt, sodass man das Paradies nicht so genießen kann, wie geplant.

Wenn nun solche Dinge wie Wochenenden oder Urlaube eine Erkrankung begünstigen, so spricht man geflissentlich von Risikofaktoren. Verantwortungsvolle Mediziner sind daher aufgerufen, vor diesen Parametern eindringlich zu warnen und von den Gesundheitsbehörden entsprechende Maßnahmen einzufordern: So sollten keine Kalender mehr produziert werden, die nicht an Sonn- und Feiertagen fettgedruckte Warnhinweise enthalten: „Vorsicht, Entspannung kann Ihre Gesundheit beeinträchtigen!“ Ob auch das Passiv-Entspannen gefährlich ist, wenn etwa ein Kollege in die Ferien fährt, man ein Familienmitglied zum Flughafen begleitet oder gar eine „WhatsApp“ mit einem Strandfoto zugeschickt bekommt, ist derzeit Gegenstand von Untersuchungen.

Da die meisten der von Leisure-Sickness befallenen Personen generell über schlechte Stressbewältigungsstrategien verfügen, hier noch ein kleiner Tipp: Entspannen Sie sich bereits am Arbeitsplatz! Dann werden Sie nicht erst im Urlaub, sondern bereits in der Arbeitszeit krank. Das ärgert den Chef und kann auf diese Weise Ihre Stimmung heben. Einen Versuch ist es allemal wert.

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