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© Udo Bernhart / dpa
Dicht und gefährlich: Auf Pekings Asphalt geht es rau zu.
 
Leben 18. August 2015

Gefährliche Straßen

Verkehr mit Risiken und Nebenwirkungen – chinesisches Tagebuch Teil 5.

Drei Monate lang lebt und schreibt „Springer“-Redakteurin Jana Kötter in Peking. Diesmal berichtet sie vom abenteuerlichen Dasein als Fußgängerin und Radfahrerin auf Chinas Straßen.

Puh, das war knapp! Gerade ist die ältere Dame noch gemächlich an mir vorbeigeradelt, als plötzlich zwei junge Mädchen auf ihrem Elektroroller aus der Einfahrt geschossen kamen. Blitzschnell reagierte die Radfahrerin, sprang von ihrem Rad (die Bremsen hätten das Gefährt wohl nicht so schnell zum Stehen gebracht) und hat so Schlimmeres verhindert. Respekt für diese Reaktionszeit!

Doch als Teilnehmer auf Chinas Straßen muss man eben immer in Acht sein – vor allem als Ausländer. Denn während es Chinesen in der Großstadt gewohnt sind, sechsspurige Fahrbahnen zu überqueren, ohne den Blick vom Smartphone zu nehmen und trotz des lauten Gehupes die Ruhe bewahren, so kann dies unsereins ganz schön nervös machen. Lieber ein Blick zu viel als ein Blick zu wenig, das ist mein Motto.

Eine traurige Statistik zeigt, dass ich damit richtig liege: Knapp 60.000 Verkehrstote verbuchte China offiziellen Statistiken zufolge im Jahr 2013. Die Dunkelziffer, schätzen viele, liegt ungefähr doppelt so hoch! Damit führt China auch in relativen Zahlen die traurige Statistik der Verkehrstoten an.

Chaos dominiert

„Die erschütternde Bilanz hat viele Ursachen“, erklärt Sonja Piontek in ihrem Buch „China, die türkise Couch und ich“. Die Autorin hat drei Jahre lang im Reich der Mitte gelebt und nach der bestandenen chinesischen Führerscheinprüfung auch als Autofahrerin am Verkehr teilgenommen. „Es sind Ursachen, die von den Verkehrsteilnehmern in vielen Fällen vermieden werden könnten. Aber auch Ursachen, denen sich der Einzelne gar nicht bewusst ist, schlichtweg weil die Gefahr zum alltäglichen Bild auf Chinas Straßen gehört und vom Individuum überhaupt nicht wahrgenommen wird.“

So herrscht auf den Straßen oft Chaos: Die Motorisierung des Landes geht so schnell, dass viele Autofahrer sich nicht zurechtfinden. Sie überholen rechts, kreuzen bei Rot und drängeln sich vor – obwohl es entsprechende Gesetze gibt. Und während sie zumindest das Blech des Wagens um sich haben, sind vor allem die Fußgänger und Motorrollerfahrer der größten Gefahr ausgesetzt. Zumal ich die Anzahl der Helmträger seit meiner Ankunft vor sechs Wochen an einer Hand abzählen kann.

Griff zum Gurt wird normal

Erst langsam setzt hier eine Sensibilisierung ein: In den vergangenen Jahren wurden mehr Verkehrspolizisten eingesetzt, und auch der Griff zum Sicherheitsgurt ist – zumindest in der neuen Mittelschicht, deren Wagen auch mit entsprechenden akustischen Signalen darauf hinweisen – keine Seltenheit mehr.

Als ich vor wenigen Tagen mit dem Reisebus gefahren bin, kam doch tatsächlich eine Dame durch die Reihe gelaufen und hat geprüft, dass alle angeschnallt sind! Das wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen. Auf den Autobahnen machen Schilder für den Gebrauch des Lichts Werbung, Geschwindigkeitskontrollen werden vielerorts regelmäßig durchgeführt.

Ob diese Maßnahmen Erfolge bringen? 2005 wurden noch offiziell fast 100.000 Verkehrstote beklagt, 2013 waren es schon nur noch 70.000. Offiziell, wohlgemerkt. Die WHO geht im selben Jahr nach Schätzungen sogar von 276.000 Opfern aus. Im Vergleich etwa zu westeuropäischen Ländern haben die Chinesen noch viel aufzuholen.ÄZ

Jana Kötter , Ärzte Woche 29/34/2015

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