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Leben 18. August 2015

Nichts als heiße Luft

Die Österreicher wissen nicht so recht, wie sie mit großer Hitze umgehen sollen und begehen vermeidbare Fehler.

Hitzeperioden waren bislang eher die Ausnahme. Doch mit der klimabedingten Zunahme der Durchschnittstemperaturen im Alpenraum müssen die Österreicher erst lernen, umzugehen. Derzeit heizen wir mit zahllosen Klimaanlagen vor allem die Städte immer weiter auf, kritisieren Umweltmediziner.

Badegäste an einem Imbissstand am burgenländischen Neufelder See. Ein Platz, der laut mehreren Umfragen der coolste Ort in ganz Österreich sein soll. Nur heute ist davon wenig zu merken. Eine Wolke aus Frittierfett, Sonnencreme (Arganöl) und Alkohol hängt über der Menschentraube. „Die Hitz’ bringt mi no um“, meint ein Herr um die 60. Er wartet auf seinen Spritzer, „einen Milden“. Und wirkt zufrieden. Denn in der Stadt „gehst ein“.

Unbestritten ist: Vor allem in mediterranen Städten steigt die Mortalität in Folge lang anhaltender hoher Temperaturen drastisch an, in den Jahren 1990 bis 2004 um 21,8 Prozent, laut einer Studie im Journal Environmental Health. Die Hitzewelle fordert ihre Opfer. In einigen Weltgegenden werden dieser Tage unbarmherzige 47º C oder mehr gemessen. Die Austria Presse Agentur meldet mehr als 20 Hitzetote in Ägypten.

Da nützt es wenig, wenn Analysen von 74 Millionen Sterbefällen in 13 Ländern belegen, dass Kälte etwa 20 Mal häufiger Todesursache ist als Wärme. Begründung: Die zusätzliche Belastung der Atemwege und eine herabgesetzte Immunabwehr machen tiefe Temperaturen für den Menschen gefährlicher als hohe. Aber macht das die aktuelle Hitzewelle harmloser? Der Umweltmediziner Dr. Peter Wallner ist vom Gegenteil überzeugt. Die Gefahr werde unterschätzt. Einiges spricht dafür, dass Wallner recht hat: Noch nie gab es so viele Tage mit mehr als 35 Grad in Österreich wie jetzt.

Hitzetod per Definition

Ab wann geht man eigentlich als Hitzetoter in die Statistik ein? Die Zahl der Hitzetoten wird durch die sogenannten „Übersterblichkeit“ bei Hitzewellen ermittelt. Konkret: Wie viele Menschen sind mehr gestorben als im langjährigen Schnitt. Dieser Wert kann erst nach Abklingen der Hitzewelle berechnet werden. Von diesen Zahlen ausgehend werden in Modellrechnungen die zu erwartenden Hitzewellen in der Zukunft und die zu erwartenden Hitzetoten ermittelt. An Tagen mit einer Durchschnittstemperatur knapp unter 20º C ist die Mortalität am geringsten. Kalte Tage führen in der Regel zu einer langfristigen Erhöhung der Sterblichkeit, während heiße Tage kurzfristig zu einem starken Anstieg führen.

Ein Forscherteam um Dr. Hanns Mooshammer vom Institut für Umwelthygiene hat die Auswirkungen von Hitze auf die Sterblichkeitsrate in Oberösterreich und Wien für die Jahre 1990 bis 2004 untersucht. Die Analyse ergab eine Zunahme des Sterberisikos in Oberösterreich während Hitzeperioden, statistisch signifikant waren die Anstiege allerdings nur für Frauen in Linz und für die Gesamtbevölkerung im Mühlviertel, wo die größte Risikoerhöhung, nämlich plus 14,8 Prozent, zu verzeichnen war, berichten die Autoren. Das Risiko bei den Mühlviertlern, die älter als 65 Jahre waren, stieg um 16,3 Prozent. Im Mühlviertel sind Hitzeperioden selten und daher tatsächlich „extreme“ Ereignisse.

In der Bundeshauptstadt haben Mooshammer und sein Team für den gleichen Zeitraum rund 14 Hitzetage verzeichnet, die sich bei Annahme eines gemäßigten Klimawandels zwischen 2061 und 2090 auf 40 Tage steigern können. Unter diesen Annahmen sind demnach für Wien zusätzlich 143 Sterbefälle zu erwarten. Seit den 1970er-Jahren ist die Durchschnittstemperatur in Wien signifikant um 1º C gestiegen. Auch hier haben die Episoden extremer Temperatur zugenommen.

Wallner empfiehlt interessierten Ärzten den Info-Folder „Gesund trotz Hitze“, herausgegeben vom österreichischen Umweltbundesamt (http://goo.gl/hO4oin). Begründung: „Dort werden die zahlreichen Risikogruppen aufzählt.“ Nämlich: Alte, Säuglinge und Kleinkinder, Menschen mit chronischen Erkrankungen, akut Erkrankte, Menschen, die regelmäßig Alkohol oder Drogen zu sich nehmen, Übergewichtige oder Unterernährte, Schwangere, Bauarbeiter und Sportler, Obdachlose. Dieser Liste fügt Peter Wallner folgende Personengruppen hinzu: sozial isolierte, ältere Menschen hinzu, deren schlechter werdenden Gesundheitszustand niemand bemerkt. Sowie sozial Schwache, die keine Möglichkeit haben, sich spezielle Vorhänge zu kaufen, in kühlere Gegenden zu fahren.

Zu viel Beton

Des Experten bitteres Fazit: „Derzeit läuft Vieles in die falsche Richtung: Wenn man etwa sieht, wie viele Menschen bei 35 Grad die Fenster offen halten und sich dann über die Hitze im Innenraum beschweren und den Einbau von Klimaanlagen fordern, die die Stadt weiter aufheizen. Oder wenn nach wie vor alles zubetoniert wird, sogar im eigenen Garten. Oder wenn die Begrünung von Fassaden bekämpft wird, weil dann ,extrem gefährliche’ Tiere in die Innenräume eindringen könnten.“

Ab wann ist es zu heiß?

Eine Hitzeperiode wird nach Kysely (2004) dann festgestellt, sobald an mindestens drei Tagen in Folge die Maximaltemperatur 30º C überschreitet und hält so lange an, wie die mittlere Tagestemperatur über die gesamte Periode über 30º C bleibt und an keinem Tag eine Maximaltemperatur von 25º C unterschritten wird. Klimaforscher erwarten, dass die Zahl und Dauer von Hitzeperioden im Alpenraum überproportional steigen wird.

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