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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 6. Juli 2015

Room with a WLAN

Zimmer mit Aussicht war gestern. Der Tourist 2015 möchte auch am Urlaubsort mit der Welt verbunden sein.

Urlauber müssen im Angesicht von Terroranschlägen und Staatspleiten heutzutage mit einer gewissen Portion an Verdrängung gesegnet sein, um den Urlaub wirklich unbeschwert genießen zu können. Doch wer gelernt hat, schwer bewaffnete Polizisten am Hoteleingang und in die Armut abgeglittenen Athener neben der Akropolis aus dem Blickfeld auszublenden, wird ungetrübte Erholung genießen können.

Manche sorgen sich sogar weniger um potenzielle Anschläge am Urlaubsort, als darum, dass der faule griechische Bankomat möglicherweise kein Geld mehr ausspuckt und sie sangriamäßig am Trockenen sitzen. Vom gesundheitlichen Standpunkt wäre der Verzicht auf Sangria durch unkooperative Bankomaten sicher positiv zu werten.

Ob Urlauber generell heute wirklich krisenresistenter und selbstbewusster sind als früher, ist fraglich. Zweifelsfrei sind sie selbstverliebter. Denn fotografierte man früher mitunter lediglich den Sonnenuntergang am Strand, schlicht um die Existenz von Sonne und Strand für die Daheimgebliebenen beweisen zu können, lichtet man sich heute auch gleich selbst mit ab. Bewaffnet mit den (vielerorts verpönten und auch teilweise verbotenen) Selfie-Sticks knipst man ein Bild von sich vor dem Sonnenuntergang am Strand, um seine Existenz am Strand zu dokumentieren. Das wäre noch nichts Neues. Der Trend geht jedoch dahingehend, Strand und Sonne gänzlich außer Acht zu lassen und lediglich ein Selfie von sich selbst auf Facebook zu posten – wahrscheinlich, um einen Beweis für die eigene Existenz zu haben. Dies hat auch zur Folge, dass man sich nie allzu weit von Strom- und Netzwerkverbindungen aufhalten kann. So fordert der Tourist 2015 immer seltener ein Zimmer mit Meerblick, sehr wohl jedoch ein Zimmer mit WLAN. Das Meer hat man ohnehin als Bildschirmschoner.

Und wenn sich eine Gruppe von Urlaubern am Campingplatz unter einem Olivenbaum versammelt, so liegt das weniger am Schatten. Vielmehr hat man rund um den Baum einen guten Empfang. Haben die Reiseführer früher von „Hotspots“ gesprochen, die man nicht versäumen sollte, so versteht man heute gemeinhin ein offenes WLAN. Immerhin kann man durch die Verbindung mit dem Internet auch im Ausland die klassischen Hotspots und lokalen Sehenswürdigkeiten ausfindig machen. Aufsuchen wird man die Sehenswürdigkeit jedoch nicht, da es dort meist kein WLAN gibt.

Natürlich kann man am Strand seine Mails checken, Selfies an die Kollegen schicken, die man bei der Urlaubseinteilung ausbremsen konnte oder online DFP-Punkte sammeln. Man muss aber nicht. In diesem Sinne darf ich Sie in einen erholsamen und – man muss es wohl dazusagen – sicheren Urlaub verabschieden, mit vollen Bankomaten für Sie und die Athener, und dem von Herzen kommenden Wunsch, dass Sie im Urlaub gar kein WLAN brauchen.

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