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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 29. Juni 2015

Urlaubsgold

Gesundheitlich haben Ferienreisen einen positiven Effekt – wenn man sich nicht allzu viel ärgern muss.

Alle Jahre wieder herrscht Anfang des Sommers eine gewisse Aufbruchsstimmung. Wie beim Goldrausch am Klondike ist bereits der Gedanke an einen Urlaub, wenn schon nicht am Klondike, so zumindest an der Adria, berauschend. Die Lethargie der vergangenen Monate wandelt sich nun in geschäftiges Abarbeiten der Altlasten, Einkaufen und Packen. Hier geht es jedoch nicht um die Anhäufung von Reichtum, sondern eher im Gegenteil, um das Verprassen des angesparten Vermögens. Und es handelt sich auch nicht um 40 Wagen westwärts, sondern um Millionen Wagen südwärts, die pünktlich mit Ferienbeginn ins Urlaubsdomizil stauen.

Aus gesundheitlicher Sicht ist diese Auszeit selbstverständlich zu begrüßen. Benötigt der Körper doch auch Ruhezeiten, in denen er regenerieren kann, sein Immunsystem wieder auf Vordermann bringt und längst nötige Wartungsarbeiten im Körper durchführt, die aufgrund des Dauerstresses vom Organismus auf die lange Bank geschoben wurden.

Allerdings bedeutet das auch, dass in dieser Auszeit die Blutspiegel der Stresshormone niedrig gehalten werden sollten. Dies ist jedoch für viele Urlauber nur schwer zu bewerkstelligen, da man sich in der Regel nur von vertrottelten Miturlaubern umgeben sieht, die die Stresshormone erst so richtig auf Touren bringen.

Schließlich würde man logischerweise ohne diese ganzen anderen Urlauber nie im Stau stehen. Zumal es sich um genau dieselben Zeitgenossen handelt, die unterm Jahr in den Wartezimmern der Ordinationen sitzen und früher drankommen, an der Supermarktkasse vor einem stehen oder in der Warteschleife der Call-Centers genau jene „Kunden“ darstellen, „um deren Anliegen sich der Mitarbeiter gerade noch bemüht, bevor er für Sie da ist“. Es sind auch dieselben Menschen, die mit der Durchsage im Ferienflieger „wir beginnen nun mit dem Sinkflug“ aufspringen und sich im Mittelgang zum Aussteigen bereitmachen, das überdimensionierte Handgepäck am Kopf eines noch sitzenden Passagiers abstützend.

In den Zügen wäre ohne die anderen der üble Socken-Geruch weg, am Strand gäbe es keinen Mangel an Sonnenliegen in der ersten Reihe und warum sich am Frühstücksbuffet alle Mitesser zur gleichen Zeit unbedingt vom Koch ein Omelette machen lassen wollen, obwohl sie morgens normalerweise gerade mal eine Tasse Kaffee und eine Zigarette runterbringen, ist auch nicht nachvollziehbar. Wie soll man da entspannt bleiben? Bei diesen hohen Preisen? Dieser nervenden Mentalität? Dieser kaputten Klimaanlage? Dieser funktionierenden Qualle?

Tatsächlich gelingt es manchen jedoch nach ein, zwei Wochen einen heilsamen Zustand der Gleichgültigkeit zu erlangen. Und dieses Gold, das man im Urlaub erwerben kann, findet man in keinem Klondike dieser Welt.

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