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© Doris Buddenberg; Fotograf Sajid Munir
Stigmata der Mohnkapsel. Distrikt Dir, Pakistan. 1991
© MKB; Fotograf: Derek Li Wan Po

Ein kunstvoll gestaltetes Utensil: Opiumpfeife, Vietnam, 20.Jh.


Grenzsoldaten führen eine Antiopium-Operation an der Grenze zwischen Iran und Afghanistan durch. Iran, 2005

© MKB, Fotograf Georges Passavant

Tabakraucher und Opiumraucher in China, vor 1889

© (2) Alessandro Scotti

Der Stoff aus dem die Träume sind: Opiumraucher, Laos 2005

 
Leben 29. Juni 2015

Gefährliche Leidenschaft

Als Kulturpflanze ist Mohn in vielen Ländern – so auch in Österreich – verbreitet. Die Ausstellung „Opium“ im Museum der Kulturen in Basel spürt dem kulturhistorischen Kontext nach, in dem der Schlafmohn steht.

Die Schönheit blühender Mohnfelder sollte nicht über die Zwiespältigkeit des Schlafmohns als Lieferant des Rauschmittels Opium hinwegtäuschen. Mohnanbau und Opiumgewinnung haben eine lange Tradition.

Schon Karl Marx zollte dem Opium in seinem berühmten Ausspruch „Die Religion ist das Opium des Volkes“ gebührend Respekt, Modezar Yves Saint Laurent hingegen kreierte mit seinem Parfum „Opium“ einen verführerischen Duft, der, obgleich er nichts mit der Droge zu tun hat, auf deren dunkles Geheimnis anspielt. Die literarischen und kulturhistorischen Zeugnisse sind zahlreich, der Mohnanbau speziell im vorderen Orient von alters her eine zwar anstrengende und aufwändige, aber dennoch einträgliche Angelegenheit.

Ursprünglich wurde Opium medizinisch angewendet. Erstmals schriftlich nachgewiesen ist es im Papyrus ‚Ebers‘ um etwa 1500 v. Chr. Als Bestandteil des Allheilmittels „Theriak“ wird es erstmals um 170 v. Chr. vom Arzt und Dichter Nikandros von Kolophon erwähnt. Die Mixtur aus Anis, Fenchel und Kümmel sollte zusammen mit dem Extrakt des Schlafmohns hauptsächlich als verlässliches Mittel gegen Schlangenbiss und Vergiftungen helfen. Oft wurde die Mischung um teils abenteuerliche Ingredienzien wie Kröten- und Schlangenfleisch erweitert: Über 50 Zutaten ergaben eine eher zweifelhafte Mixtur, in der sich auch Opium befand.

Etymologisch soll sich die Bezeichnung „Theriak“ aus dem Persischen für die aus dem Schlafmohn gewonnene Substanz ableiten, verbürgt ist dies allerdings nicht. Auch zahlreiche römische Kaiser vertrauten aus Furcht davor, vergiftet zu werden, auf dieses Wundermittel. In einem Werk des berühmten Arztes Galen werden bereits 70 Ingredienzien genannt. Venedig, Nürnberg und Amsterdam, die eng mit den Handelsrouten Richtung Asien über Land und Meer in Verbindung standen, waren bis in das 17. Jahrhundert die Zentren der Theriakherstellung. Die mit Opium angereicherte „Wunderdroge“ wurde zu einem Verkaufsschlager. Zwar linderten diese Mixturen Schmerzen, gegen die Pest war aber auch dieses Allheilmittel machtlos.

Erst im 19. Jahrhundert ließen sich die Inhaltsstoffe des Opiums isolieren. Dadurch wurde eine präzisere Dosierung möglich. Opiumhaltige Medikamente fanden sich zudem in Apothekergefäßen und auch in Reiseapotheken. Aus Opium gewonnenes Morphin dient seit dem Ersten Weltkrieg zur Linderung stärkster Schmerzen. Nach Kriegsende stieg jedoch die Anzahl der Morphinisten dadurch stark an. Heute werden Morphinpräparate wirksam in der Schmerztherapie eingesetzt. In Gebieten ohne medizinische Einrichtungen ist Opium bis heute oft das einzig verfügbare Schmerzmittel.

Vom Heil- zum Rauschmittel

Opium erreichte im Rahmen des Handels mit dem Nahen und Fernen Osten einen speziellen Stellenwert. Bedingt durch die britische Kolonialherrschaft fand es seine größte Verbreitung ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England und speziell durch chinesische Wanderarbeiter, die im Eisenbahnbau beschäftigt waren, auch in den USA.

Rauschmittel, gleich welcher Natur, wurden immer wieder dazu verwendet, um eine vermeintlich tiefere, umfassendere Wahrnehmung zu fördern und so in künstlerischer Hinsicht zu neuen Einsichten zu kommen. Die Liste der Opiomanen ist demnach lang und umfasst solch illustre Geistesgrößen wie etwa Edgar Allen Poe, Charles Baudelaire, Heinrich Heine, König Ludwig II. von Bayern, Friedrich Nietzsche, Georg Trakl und Jean Cocteau. Ziel war es, dem Geist auf die Sprünge zu helfen und so auch literarisch wie künstlerisch Neues zu denken und zu wagen. Wer sich dem Opium verschrieb, der wandelte auf einem schmalen Grat. Nicht alle haben, wie etwa Jean Cocteau, explizit darüber berichtet: „Der Geist des Rauchers bewegt sich unbeweglich, wie das Schillern des Moiré“ und ihre Erfahrungen auf diese Weise mitgeteilt.

„Opiumhöhlen“ – nicht illegal, aber schlecht beleumundet

In den chinesischen Einwanderervierteln vor allem in London und New York konnte man sich im ausgehenden 19. Jahrhundert in „Opiumhöhlen“ diskret dem Opiumrausch hingeben. Dies war zwar nicht illegal, in der Öffentlichkeit jedoch nicht angesehen. Der regelmäßige Opiumkonsum führte zu einem fortschreitenden Verfall, dem sich der Opiumabhängige auslieferte. Die Berichte von mythischen und geistig religiösen Erfahrungen dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass der Umgang mit Opium für die meisten nicht zu erhöhter Einsicht und Erleuchtung führte. Stattdessen fanden sie sich in einem Zustand unüberwindbarer Apathie wieder, der durch den regelmäßigen Opiumkonsum mehr und mehr zunahm.

Die Ausstellung in Basel führt von den kulturhistorischen Hintergründen bis in die Gegenwart. 2014 führten Australien, Frankreich, Indien, Spanien, die Türkei und Ungarn mengenmäßig die Liste der legalen Produktionsländer an. Etwa 7000 Tonnen Opium wurden dort für die Morphingewinnung verarbeitet. Der illegale Markt, der Produktionsflächen, Handelswege und den Konsum umfasst, wird vom United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) beobachtet, analysiert und, wo es möglich ist, mittels diverser Programme verringert. Vom UNODC wird jährlich auch der Weltdrogenbericht erstellt, demzufolge allein im Jahr 2014 die illegale Opiumproduktion in Afghanistan 6400 Tonnen betrug. Das illegale Opiumgeschäft, das bis heute den Produzenten ein gewisses Ein- und damit Auskommen beschert, hat eine harte und brutale Seite, auf die in dieser Ausstellung ebenso eindrücklich hingewiesen wird. Rausch und Realität bilden eben krasse Gegensätze.

www.mkb.ch

Die Ausstellung läuft noch bis zum 24. Januar 2016.

Thomas Kahler, Ärzte Woche 27/2015

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