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Leben 29. Juli 2015

Nippons Power Napping

Im Land der aufgehenden Sonne wird zuwenig geschlafen. Mit Power Napping alleine ist es nicht getan.

Szenen von in der U-Bahn schlafenden Geschäftsleuten bestätigen ein gängiges Japan-Klischee. „Inemuri“ nennen die Ostasiaten den Kurzschlaf zwischendurch. Der gilt zwar als gesund, doch Experten schlagen Alarm: Denn die Japaner schlafen insgesamt zu wenig.

Immer wieder sackt der Kopf des Japaners auf die Schulter seines Sitznachbarn. Wie er, sitzen an diesem Abend gleich mehrere Geschäftsleute auf den Bänken der U-Bahn und schlafen. Zwei anderen Berufspendlern gelingt das sogar im Stehen. Geschickt haben sie die Hände in den Halteringen der Bahn so verkeilt, dass sie ihren Kopf dagegen lehnen können. Immer wieder knicken sie zuckend in den Knien zusammen, richten sich auf und schlummern weiter.

Szenen wie diese in einer U-Bahn in Tokyo gehören zu den weltweit am weitesten verbreiteten Klischeebildern von Japan. Aber es ist kein Klischee, sondern Realität.

Eine Nation unter Schlafmangel

„Die ganze Nation leidet unter chronischem Schlafmangel“, stellt Prof. Dr. Kazuo Mishima, Schlafexperte am National Center of Neurology and Psychiatry (NCNP), Tokyo, fest. Auf die Bedeutung der erholsamen Bettruhe will in Deutschland der Aktionstag „Tag des Schlafs“ am 21. Juni aufmerksam machen. Anders dagegen in Japan: Wenig zu Schlafen gilt dort seit Langem als ein Zeichen für harte Arbeit, Fleiß und Überstunden. „Fumin Fukyu“ („Ohne Schlaf, ohne Pause“) ist in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt noch immer ein erstrebenswerter Arbeitsethos.

Nach einer Untersuchung der amerikanischen National Sleep Foundation schlafen die Japaner mit im Durchschnitt nur sechs Stunden und 22 Minuten am Tag weniger als ihre Mitmenschen in anderen Ländern wie Deutschland, den USA, Großbritannien. Um dies auszugleichen, bedienen sich die Japaner einer Methode, die in westlichen Ländern noch wenig akzeptiert ist, in Japan dagegen sogar von der Regierung empfohlen wird: Das Power Napping, der Kurzschlaf am Tag zum Wiederauftanken der Batterie.

Nicht immer allerdings ist das Einschlafen gewollt, oft fallen die Augen auch schlicht aus Schlafmangel zu. „Inemuri“ nennt sich das Nickerchen in Japan. Die beiden Schriftzeichen verbinden „anwesend sein“ und „Schlaf“. Ob beim Pendeln, im Büro oder der Kantine, bei Konferenzen oder im Parlament – Japaner können überall schlafen. Nickerchen an sich gelten als gesundheitsfördernd, sollen Stress verringern und die Aufmerksamkeit erhöhen.

Das japanische Gesundheitsministerium empfiehlt in seinen Richtlinien ausdrücklich einen Kurzschlaf am frühen Nachmittag, der allerdings nicht länger als 30 Minuten dauern sollte. Die Wirtschaft zieht mit und Firmen gönnen ihren Angestellten etwas schlaf.

Nickerchen am Arbeitsplatz

Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn Mitarbeiter am Schreibtisch oder während der Mittagspause in der Kantine kurz schlafen. Wichtig ist aber, Verhalten und Körperhaltung der Umgebung anzupassen – schnarchen oder Füßehochlegen im Büro sind verpönt. Es gibt in Tokyo inzwischen sogar Cafés, die sich auf Power Napping spezialisiert haben.

Das „Corne“ zum Beispiel bietet berufstätigen Frauen zwischen Terminen oder während der Jobsuche die Möglichkeit, zu ruhen. Zehn Minuten Power Nap für 160 Yen (umgerechnet ein Euro).

Sind die Japaner mit ihrer vermeintlichen Fähigkeit, wie auf Knopfdruck im öffentlichen Treiben einschlafen zu können, also ein Vorbild für unsere hektischen westlichen Gesellschaften?

Manche japanischen Experten sind eher besorgt über die Lebensweise ihrer Landsleute. „Chronischen Schlafmangel kann man nicht durch Mittagsschlaf ausgleichen“, erläutert Prof. Dr. Makoto Uchiyama von der Universität Nihon Daigaku. „Schlafmangel führt nicht nur zu geringerer Konzentration und schlechteren Leistungen, sondern auch zu Unfällen im Verkehr oder der Industrie“, warnt auch Mishima. Nach seiner Statistik gingen im Jahr 1941 noch 90 Prozent der Japaner kurz vor 23 Uhr Schlafen. 1970 legte sich die Mehrheit erst gegen Mitternacht ins Bett, zur Jahrtausendwende verschob sich die Einschlafzeit auf ein Uhr nachts.

Zugleich aber stehen die Japaner seit 1970 morgens immer zur gleichen Zeit auf, das heißt, die Dauer des Schlafes ist kürzer geworden, schreibt Mishima. Das geht schon im Kindesalter los. Nach einer Untersuchung des Kultusministeriums bekommen japanische Mädchen und Jungen im internationalen Vergleich am wenigsten Schlaf ab. So geht etwa ein Drittel der Kinder unter vier Jahren später als 22 Uhr ins Bett.

Als ein Grund gilt die viele Zeit, die japanische Kinder im Internet verbringen. Eine weitere Ursache ist der immer stärker werdende Bildungswettbewerb. Neben dem Schulunterricht besuchen japanische Kinder obligatorische Sportklubs und anschließend bis häufig spät in den Abend noch spezielle Paukschulen, sodass am Ende kaum noch Zeit zum Schlafen bleibt. Genau wie ihre Väter und Mütter.

Wobei schon Babys und Kleinkinder in Japan ohnehin oft jahrelang mit den Eltern oder Großeltern zusammen schlafen. Für den Schlafmangel und gestörten Tagesrhythmus der Kinder ist, laut japanischen Experten, der Lebensstil der Erwachsenen mitverantwortlich .

Jeder Fünfte mit Schlafstörungen

Untersuchungen zufolge leidet inzwischen jeder fünfte Japaner unter einer Schlafstörung. Fachleute und auch die Regierung schlagen daher Alarm. „Früh schlafen, früh aufstehen und frühstücken“, mahnt etwa die Regierung die Bürger. Trotz des weitverbreiteten Power Naps stoße Japan an seine Grenzen, die ganze Nation leide unter chronischem Schlafmangel, warnt Mishima. „Wir müssen das als ein Problem der gesamten Gesellschaft begreifen“.

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