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© Zhang yanlin/Imaginechina / dpa
Mitarbeiterin einer TCM-Apotheke in Haozhou in der ostchinesischenProvinz Anhui.
 
Leben 29. Juni 2015

Wo Spiritualität und Medizin sich mischen

Der „König der Medizin“ erfreut sich auch heute noch großer Beliebtheit – chinesisches Tagebuch Teil 5.

Drei Monate lebt und arbeitet „Springer“-Redakteurin Jana Kötter im Reich der Mitte. Diesmal erkundet sie die Grenzen zwischen Spiritualität und Medizin in einem Kloster.

Früh morgens im Kloster der Weißen Wolken in Pekinger. Andächtig murmelt die Frau ihre Wünsche, verneigt sich vor der bunten Holzfigur. Dreimal schwenkt sie die Räucherstäbchen vor ihrem Kopf, bevor sie nach vorne tritt und Sun Simiao, dem „König der Medizin“, eine Plastiktüte Obst auf den kleinen altarähnlichen Tisch stellt.

Es ist diese tiefe Spiritualität vieler Chinesen, die mich bei jedem Tempelbesuch aufs Neue fasziniert – ganz gleich, ob ihr Taoismus oder Buddhismus zugrunde liegen. Die Religion spielt, obgleich sie im kommunistischen Staat kein beliebtes Thema ist, im Alltag vieler Menschen eine große Rolle.

Tempelbesuche, Opfergaben und die Verehrung der Ahnen, die oft auch auf kleinen Schreinen im Wohnzimmer betrieben wird, sind Bestandteil der wöchentlichen Routine.

Verehrungswürdige Gottheiten

Anders als im Christentum oder Islam beten Buddhisten oder Taoisten nicht nur eine Gottheit an; vielmehr gibt es unzählige verehrungswürdige Gestalten und Gottheiten, die im Zentrum des Glaubens stehen. Sun Simiao ist einer von ihnen.

Der Arzt und Religionswissenschaftler soll 581 in der heutigen chinesischen Provinz Shanxi geboren worden sein. Schnell brachte ihm seine Kompetenz beim einfachen Volk den Beinamen „König der Medizin“ (Yaowang) ein. Was ihn in seinem Wirken besonders auszeichnete: Seine Offenheit im Umgang mit anderen Kulturen. Sie unterschied ihn von den chinesischen Ärzten jener Zeit.

Heute, fast 1.500 Jahre später, bittet die Besucherin Sun Simiao auch um Hilfe – so wie es einst seine Mitmenschen getan haben sollen. Zur Gottheit geworden, soll der „König der Medizin“ die Bitten der Frau erhören: Ihre Tochter ist krank, für sie kommt die Mutter jede Woche in das Pekinger Kloster der Weißen Wolken, um ihre Fürbitten auszusprechen.

Akupunktur, ein wichtiger Aspekt

Doch nicht nur bei hilfesuchenden Religiösen wirkt das Leben Simiaos bis heute nach. Der Mediziner entwickelte maßgeblich das Konzept der „Shi-Punkte“ in der Akupunktur, die in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) heute einen wichtigen Aspekt darstellen.

Neben zahlreichen Werken, die zum Teil auch ins Englische übersetzt wurden, führte der Simiaos außerdem erstmals die Therapie des Beriberi-Syndroms, einer aus einem Vitamin B1-Mangel resultierenden komplexen Vitaminmangelerkrankung, ein.

Anwendung finden viele seiner Lehren im hintersten Eckchen der Tempelanlage im Südwesten Pekings. Dort befindet sich eine TCM-Praxis mit angeschlossener Apotheke.

Auch weltlicher geprägte Mitmenschen suchen dort, in den spartanisch eingerichteten Räumen des taoistischen Klosters, Hilfe – etwa durch Akupunktur, Moxibustion und Arzneikräuter.

Was sich viele Chinesen jedoch nicht nehmen lassen: Auf dem Weg zum Ausgang des Klosters, noch schnell ein Räucherstäbchen für Sun Simiao anzuzünden. Schaden kann dies schließlich nicht!

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