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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 24. Juni 2015

Brennen für den Job

Die Begeisterung für die Medizin kann ansteckend sein. Allerdings nicht nur im positiven Sinn.

So verpönt es heute auch sein mag: Es hat durchaus Vorteile, einem Nine-to-Five-Job nachzugehen, in dem man die „Five gerade sein lassen“ kann, wenn es kurz nach Fünf ist. Hier gibt es eine eindeutige Einteilung des Lebens in Arbeit und Freizeit. So werden etwa einem Mitarbeiter in einem gastronomischen Betrieb Gedanken darüber, ob man nun Tisch 5 vielleicht zu lange warten ließ, kaum den Schlaf rauben. Ja, selbst ob den Gästen die Suppe zu kalt serviert wurde, lässt einen routinierten Kellner mindestens genauso kalt.

Ärzte im angestellten Bereich können mitunter auch eine solch beneidenswerte Job-Life-Balance aufweisen. Natürlich nimmt einem ein kalter Patient mehr mit als eine kalte Suppe, doch der routinierte Mediziner entwickelt auch hier eine gewisse Gelassenheit, die man an der Spitalspforte, gemeinsam mit dem Diensthandy, abgeben kann.

Andere wiederum brennen für die Arbeit, sei es nun aus purer Begeisterung für das Fach an sich oder aus einer gewissen Langeweile für das Leben abseits des Berufslebens heraus. Dieses Brennen sieht man auch: Wenn man in die glänzenden Augen eines Pathologen blickt, dem eine kleine Träne der Freude über die Wange kullert, wenn er im Mikroskop eines hübschen eosinophilen Granulozyten ansichtig wird; die Freude eines Gastroenterologen erlebt, nachdem er mit seinem High-Speed-Endoskop gerade noch die Kurve der Colonflexur gekratzt hat; die fast schon ekstatisch künstlerische Tätigkeit eines plastischen Chirurgen beobachtet, der stundenlang bis in die tiefe Nacht versucht, aus einem mittelprächtigen Hintern einen geilen Arsch zu formen – da wird Raum und Zeit vergessen, hier ist die Welt noch in Ordnung, hier kommt man in den Flow.

Ein Segen für jeden Dienstgeber, der derart glückliche Mitarbeiter beschäftigen darf. Und bis der glückliche Mitarbeiter bemerkt hat, dass seine Familie bereits vor Monaten ausgezogen ist, dauert es meist ein paar Jahre. Schwierig wird es, wenn in einem Betrieb die begeistert brennenden Personen die anderen Mitarbeiter anzünden wollen. Vordergründig zur Hebung der Motivation auf unbezahlte Überstunden zu drängen und die Heilung der Menschheit in der Wertigkeit einem Besuch im Freibad voranzustellen, birgt gewisses Konfliktpotenzial. Denn jene Kollegen, die dem begeisterten plastischen Chirurgen stundenlang bis in die tiefe Nacht dabei assistieren müssen, aus einem mittelprächtigen Hintern einen geilen Arsch zu formen, beginnen zunehmend am Dogma zu zweifeln, dass ein Arsch in der Hierarchie tatsächlich über dem Freibad stehen soll.

Wir brauchen brennende Menschen, sie leuchten auch nachts und man kann sie wunderbar zur Orientierung verwenden. Im besten Fall erhellen sie die Menschen ihrer Umgebung, im schlechtesten verursachen sie einen Flächenbrand, bis alle out-geburnt sind. Da hilft dann nur mehr die Löschung im Freibad …

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